GEMEINDEBUND
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Visitationen
Visitationen
„dupliciter soleo electos meos visitare“ (De imitatione Christi III,3 - Thomas von Kempen)
Wozu Visitationen? – von Martin Gestrich
Bei den Diskussionen um einen Beitritt zum Gemeindebund erwies sich in vielen Gemeinden der Passus über die Visitationen (Satzung 6c) als hohe Hürde. Interessanterweise nicht deshalb, weil die Ältesten mit dem Wort nichts anzufangen wüssten, sondern weil sie es nur zu gut kennen – und nichts Gutes damit verbinden. In der Tat: Wo sind die Gemeinden, die gerne visitiert wurden, und wo sind die Leitenden, die diesen Dienst nach einer festen Ordnung (und nicht nach zufällig sich meldenden Bedürfnissen) treulich leisten? „Das motiviert nicht“, sagen die einen. „Das ist zu anstrengend“, so andere. Und: Es rieche nach Kontrolle …
Es ist aber so: Gerade das, was gegen Visitationen eingewendet wird, ist ein Argument dafür. Es ist ein Argument dafür, dieses Thema völlig neu zu durchdenken und zu gestalten. Denn so, wie der „Gemeindebund“ Visitationen konzipieren wird, sind sie bisher nicht gewesen. Sie waren bisher ein papieraufwendiges, personalintensives Steuerungselement &– etwas, das die Visitierenden hauptsächlich mit der Lösung eines bestimmten Leitungsproblems verknüpften (allenfalls mit dem Nebengedanken, der Vorgang zwinge die Gemeinden, vorab Ordnung zu schaffen und sich ihrer starken und schwachen Seiten bewusst zu werden). Es haftet diesem Ganzen etwas Behördliches an. Darin drückt sich ein Selbstverständnis der Kirche aus, das Anleihen macht bei Staat und Wirtschaft.

Urbild aller Visitation:
Der Besuch Marias bei Elisabeth.
Beide Frauen werden sich dabei
der großen Verheißung bewusst,
die sie in sich tragen!
Gemälde von M. Albertinelli
Nun sind Visitationen dem Wort nach zweierlei. Das ist schon im biblischen Latein so: Sie sind zum einen Heimsuchungen in Form von Prüfungen; das wird seinen Höhepunkt haben, wenn Gott die Menschheit im Jüngsten Gericht „visitiert“. Und das sind zum anderen Besuche in herzlichster Verbundenheit und Güte, tröstend, schenkend, erbauend. Gott visitiert uns zwiefach: durch Versuchungen (tentationes) und durch Trost (consolatio) [vgl. Untertitel].
Darum gilt an erster Stelle: Gott visitiert die Gemeinden. Wenn wir einander besuchen und uns miteinander vertraut machen, dann allenfalls, um diese bald gnädige, bald tröstliche Heimsuchung mit den Schwestern und Brüdern zu bereden und das Weitere vorzubereiten!
Das zweite ist: Es ging den Reformatoren nicht um eine Dienstaufsicht zum Zwecke der Erhaltung eines Apparates, zur Disziplinierung von Abweichlern usw. Es ging um die Reinheit der Lehre und darum, dass alle Sorgfalt auf die Weitergabe des Wortes Gottes verwendet wurde. Schließlich hat Luther aus diesem Grunde den Kleinen Katechismus verfasst. Er hat mit den anderen darum gerungen, gemeinsame Überzeugungen im Gespräch zu halten und durch die Besuche zerrissene Bänder (neu) zu knüpfen. Darum gilt: Bei den gegenseitigen Besuchen von Christen geht es um das, was gemeinsam für unverzichtbar gehalten wird. Dies Unverzichtbare muss immer wieder neu ergründet und bestimmt werden. Es ist nicht einfach schon da!
Das dritte ist: Wenn man als Visitator ein Gast ist, kann man nicht befehlen. Zwar wird der Gastgeber dem Gast alle möglichen Freiheiten einräumen, damit er sich wohlfühlt und seinen Besuch nicht bereut. Aber er wird auch Verständnis dafür erwarten können, dass die Dinge bei ihm so liegen, wie sie eben liegen. Seine Lage zunächst einmal zu verstehen, statt sie gleich zu deuten und zu be- oder verurteilen, ist eine schwierige Aufgabe, weit schwieriger als die gängige Praxis, beim Besuch nach einer Bestätigung für eine vorgefasste Meinung oder einen Verdacht zu suchen. Darum gilt: Visitationen finden in Augenhöhe statt. Als Mittel der Machtanwendung taugen sie nicht.
Der Gemeindebund will im gegenwärtigen Reformprozess auf einem besonderen Weg erforschen, was „evangelische Kirche“ in der Praxis künftig sein kann. Visitationen, die ein andersartiges Verständnis von Leitung voraussetzen, als es von der Staatskirche her noch im Schwange ist, gehören entscheidend mit dazu. Wenn dies von denen, die ebenfalls visitieren, als Herausforderung empfunden werden sollte: So ist es auch gemeint! Ein Eingriff in das, was Superintendenten und andere an Visitation tun wollen und müssen, wird es dennoch nicht sein. Es wird sich auch nichts im Geheimen vollziehen; und es wird nicht um Kontrolle und Disziplinfragen gehen, weil der Gemeindebund dafür gar keine Institutionen besitzt, die Recht und Mandat hätten, etwas zu sanktionieren.
Abschließend noch ein Wort an die, die Angst haben, dass zu viel Arbeit auf sie zukommt: Es muss nicht jeder ein Visitator sein. Und die Visitationen müssen nicht alles auf einmal umfassen. Wichtiger ist die Regelmäßigkeit: Dass die Gemeinden des Bundes immer wieder mit Besuch rechnen dürfen, der das Gute würdigt und in allen Schwierigkeiten versucht, mitzudenken. Es soll nicht sein, dass die, die in großen Nöten stecken (das trifft auf alle zu, die bisher ihren Beitritt erklärt haben), Jahre und Jahrzehnte einsam auf verlorenem Posten stehen, bis irgendwann von höherer Stelle der Stab über sie gebrochen wird!
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