GEMEINDEBUND
Inhalt
Das Wort
Sorgen
2. Tim 2,19
Wo ist Kirche?
Kirche und Gemeinde
Was ist Gemeinde?
Apg 1,10-11
Aufbruch
Gemeinde
David und Goliath
Vergebung
Fehler
Die Taufe
Aufbruch Gemeinde
am Scheideweg
Pfr. Heinrich Vogel
Gemeindekirche
Hauptproblem
Freude
Kirche ist Gemeinde
Ortsgemeinde
Pflügen
Wormser Wort
Predigt
zu Lukas 9,62 von Johannes Heidler zur Begegnung am 26. März 2011 in Pechüle
"Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes."
(Wochenspruch Oculi)
Ein schönes Bild, liebe Freunde. Aber zugleich ein strenges, ein hartes Bild. Überhaupt erscheinen alle die Worte Jesu, die wir in der Evangelienlesung (Lukas 9,57–62) gehört haben und die er ja an interessierte Menschen richtet, spröde, abweisend, ja, unerbittlich.
Werbewirksam klingt das jedenfalls nicht, wenn er gleich dem ersten Sympathisanten sagt, dass er nicht mit einem festen Zuhause rechnen kann, wenn er Jesus hinterher zieht. Einladend klingt es auch nicht, wenn er den Sohn, der seinen Vater begraben will, auffordert, er solle diesen Akt der Pietät den „Toten“ überlassen. Und familienfreundlich klingt es schließlich nicht, wenn er einen Dritten davon abhält, sich von seinen Angehörigen zu verabschieden, und ihm stattdessen zumutet, ohne solche Rücksicht nach vorn zu schauen.
In Zeiten von Landtagswahlen hätte Jesus schlechte Karten. Als Stimmenfang ließen sich solche Worte nicht verwenden. Auch dieses letzte Wort Jesu nicht.
Nicht geschickt. Nicht geeignet, untauglich, ungenügend.“ Wenn wir das bescheinigt bekommen, dann hängt oft eine Versetzung oder Anstellung, ein Ausbildungsplatz oder auch nur die Zulassung zur Fahrschule dran. Da ist meist eine Tür zugefallen. Und unsere Selbsteinschätzung insgesamt stürzt rapide ab, wenn wir das hören: „Untauglich! Nicht geeignet.“
Dietrich Bonhoeffer fragte Ende 1942: „Sind wir noch brauchbar?“ Er fasst damit zusammen, was die zehn Jahre des Hitlerregimes mit den Menschen angerichtet hatten, wie sie verbogen worden, misstrauisch geworden, zu Zynikern und raffinierten Taktikern verkommen waren. „Sind wir noch brauchbar?“ Und wir könnten das vielerorts wiederholen. Sind wir noch brauchbar in einer Welt, die sich selbst zu vernichten droht, in der die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt? Sind wir noch brauchbar in einer Kirche, die zu Recht sich Gedanken über ihren künftigen Weg macht, dabei aber von einer Krise in die andere stürzt?
Was wir mit Bonhoeffer fragen, das stellt Jesus hier ganz entschieden und hart fest: „Wer pflügt und zurückschaut, der ist nicht brauchbar, nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Was wird hier verworfen? Welcher Blick zurück wird zurückgewiesen?
Es gibt doch legitime Rückblicke, auch in unserer Gottesbeziehung. „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, sagt der Psalmsänger. Bei manchem Geburtstag können wir dankbar zurückblicken auf Jahre der Bewahrung. Ja, Gott selbst ruft sich in Erinnerung: „Er hat ein Gedächtnis seiner Wunder gestiftet“, heißt es im 111. Psalm.
All das kann doch Jesus nicht gemeint haben, wenn er den Blick zurück kritisiert. Was meint er damit?
Halten wir fest: Jesus verkündet nicht, was gewesen ist. Er verkündet eine neue Heilsinitiative Gottes. Dieser Gott steht nicht nur hinter uns, wie ein Stück Erinnerung hinter uns liegt; er ist uns auch voraus. Er will uns nahe kommen und nahe sein, und zwar nicht als gewaltsamer Diktator, sondern mit seiner Menschenfreundlichkeit, die uns eine Tür nach vorn, in die Zukunft auftut. Davon ist Jesus bestimmt, und darauf sich einzustellen, mutet er auch seinen Jüngern zu. In Gemeinschaft mit Gott zu leben, das bedeutet für uns Menschen, die wir ständig mit uns selbst beschäftigt sind und so wenig von Gott erwarten, allerdings eine Wendung um 180 Grad. Darum kann Jesus hier auch so entschieden, so radikal, ja, so rücksichtslos reden. Hier nimmt er nicht einmal auf die einfachsten Familienpflichten Rücksicht.
Liebe Freunde, beachten wir, dass Jesus diese Zumutung nicht immer und überall ausspricht. Aus solcher Distanz zu familiären Bindungen macht er kein Prinzip. Er ist kein Fanatiker. So kann er ohne Vorbehalt ins Haus eines Jüngers zum Essen gehen und dort auch die Schwiegermutter des Simon Petrus gesund machen.
Für jede und jeden von uns mag an ganz anderer Stelle (als an den familiären Verhältnissen) akut werden, was Nachfolge, was Christsein heißt. Kritisiert wird hier von Jesus eine „Ja-aber“-Haltung, eine Haltung, mit der wir uns nur halb auf ihn einlassen und sofort ein „Aber“ hinzufügen. Ich will an ihn glauben, aber ich habe auch so meine Zweifel – und pflege sie. Ich möchte mich an Gottes Reich der Menschenfreundlichkeit orientieren, aber es gibt doch viele Sachzwänge, die mich davon abhalten, mich verbindlich daran zu halten. Gott ist die Liebe, aber nicht immer kann ich das behaupten. So viel in der Welt und bei mir selber spricht dagegen. Vor allem: Ich soll umkehren in meiner zweifelhaften Lebensweise, aber auf manches möchte ich nicht verzichten.
Solch eine eingeschränkte Bereitschaft Jesus gegenüber ist gar keine Bereitschaft. Darum redet Jesus hier so hart und geradezu rücksichtslos.
Oder ist es doch eine Rücksicht eigener Art, die Jesus hier übt, wenn er uns vor Halbherzigkeit warnt? „Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn“, sagte Gustav Heinemann. Will Jesus uns vor uns selber in Schutz nehmen?
Wir werden hier gefragt: Was hat Priorität in unserem eigenen Leben, unsere Steckenpferde, unser Wohlstand, unsere Ruhe, unser guter Ruf, unser eigenes Bild von einer blühenden Kirchengemeinde?
… oder die Aufmerksamkeit, das Interesse, das Vertrauen in diesen Gott, der uns nahe sein will und teilnehmen lässt an dem Reichtum seiner Liebe? „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch das andere alles zufallen“, sagt Jesus. Diesen Gott habt ihr vor euch. Er, bei dem keiner zu kurz kommt, ist eure Zukunft.
Kirche Pechüle Wie gehen wir darauf angemessen zu?
Hier mag uns das Bild von dem Bauern, der den Pflug bedient, helfen.
Wenn ich als Berliner hier erklären soll, was Pflug und Pflügen ist, weiß ich sehr wohl, dass die meisten von Ihnen mehr Ahnung von Landwirtschaft haben als ich. Ich will es trotzdem versuchen
Natürlich ist das unsinnig, wenn der Mensch beim Pflügen nach hinten blickt statt nach vorn. Aber was hat er da vorn zu beachten?
Oft sagt man: Wer pflügt, soll das Ende des Feldes im Blick haben, damit die Furche gerade gezogen wird. Das mag auch wichtig sein. Doch solche ästhetischen Gesichtspunkte sind es sicher nicht, die einen Bauern beim Pflügen leiten. Seine Aufmerksamkeit gilt auch nicht zuerst dem Ende des Feldes, wo vielleicht der Frühstückskorb steht, sondern dem Platz unmittelbar vor ihm, wo die Pflugschar in den Boden stößt. Dorthin hat er zu sehen: unmittelbar vor ihm und nach unten, wo das Erdreich aufgerissen werden soll, wo mancher Steinbrocken entdeckt, aus dem Weg geräumt oder umfahren werden muss, damit er vorwärts kommt und der Samen eingegeben werden kann. Das ist seine Aufgabe. Bei den damaligen Konstruktionen von Pfluggeräten und der Bodenbeschaffenheit in Israel hatte sich der Arbeiter mit seinem ganzen Oberkörper auf das Lenkholz zu stemmen, um die Pflugschar, und das war oft nur eine kleine Eisenspitze, effektiv in den Boden zu rammen. Es kostete erhebliche Anstrengung.
Liebe Gemeinde, wer das Reich Gottes vor sich hat, wie es Jesus verkündete, der wird nicht auf den fernsten Punkt verwiesen, sondern auf das, was unmittelbar vor ihm liegt. Das ist die Aufgabe, die uns Gott vor die Füße legt und die wir da vor uns, ganz unten wahrzunehmen haben. Statt den Zustand der Kirche in 20 Jahren hochzurechnen und sich daran zu orientieren oder sich gar davon faszinieren zu lassen, weist uns Jesus auf die Menschen und Aufgaben, die er uns unmittelbar vor die Füße legt. Das ist schon zuweilen sehr viel. Aber dazu braucht uns Jesus. Dazu macht er uns brauchbar, geschickt und tauglich. Mehr verlangt er nicht von uns. Denn „es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe.“
Doch nun hörten wir ja diesen harten Spruch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Jesus erinnert uns mit seinem Ruf einmal, zweimal, ja, immer wieder in unserem Leben daran, dass wir im Verhältnis zu unserem bisherigen Leben neu anfangen, uns neu ausrichten können. Jesus nachfolgen heißt in einem bestimmten Tun und Verhalten über sich hinausgehen und also sich selbst den Rücken kehren, sich selbst hinter sich lassen. Im Unterschied zu dem angeführten Fall kann das bedeuten, dass ein Mensch gerade damit sich selber hinter sich lässt, dass er sein Leben auf die Pflege seiner alten Eltern konzentriert. Was Jesus hier abweist, ist die Rücksicht auf unser selbstbezogenes Leben. Demgegenüber redete er rücksichtslos.
Und nun werden wir merken, dass uns Jesus auch hier vorangeht. Denn rücksichtslos war er zuerst zu sich selbst. Er lud die Mühseligen und Beladenen zu sich und rief Menschen in seine Nachfolge. Aber auf Beifall und Zulauf der Leute nahm er keine Rücksicht. Er redete ihnen nicht nach dem Munde, so sehr er ihnen zu Herzen, ja, ins Herz redete. Und wie der Bauer achtete er auf das, was ihm Gott vor die Füße legte. Das waren immer wieder Menschen mit ihrer Not und Schuld, erschöpft und ausgebrannt, übergangen und ausgeschlossen. Jesus konnte auf sie zugehen, weil er gewiss war, dass Gott auch ihm nahe war. So konnte er auch den Widerstand der „Korrekten“ aushalten. So konnte er auch nach Jerusalem in Leid und Tod gehen, so war auch sein Leidensweg ein Weg nach vorn. Denn da vorn erwartete er nichts anderes als Gottes Reich, Gottes Zuwendung, Gottes Gemeinschaft. Ihn ließ er kommen, auf ihn ließ er alles ankommen.
Liebe Gemeinde, dieser Jesus also geht uns voran. Dieser Jesus fordert uns auf, statt nach hinten nach vorn zu schauen, und dabei den nächsten Schritt im Blick zu haben. Gewiss, gerade dieser nächste Schritt ist so schwer und macht uns zu schaffen. Gerade dort, wo wir jetzt sind, liegen große Steine im Weg. Ja sie türmen sich geradezu auf und drohen uns zu erdrücken, die zahlreichen Termine, die Fusionsprobleme, die Stelleneinsparungen und die Misserfolge und oft genug: wir selber. Woher die Kraft nehmen, das alles auszuhalten?
Geht es uns nicht oft so wie den verstrahlten Arbeitern im Atomkraftwerk von Fukushima, die wir gestern im Fernsehen sahen, wie sie mit verbundenen Füßen vorwärts tappten, ohne gesehen zu werden, vor allem, ohne selber zu sehen, wohin es geht, weil sie von einer undurchsichtigen Plastikplane umgeben waren.
Jesus übersieht solche Sichtblenden nicht. Er durchstößt sie und lässt uns „durch den Horizont sehen“. Er fordert uns hier auf, mit ihm trotzdem nach vorn, in die Zukunft zu blicken. Denn mit Jesus nach vorn blicken – das heißt: Gott entgegenblicken, Gott kommen lassen, es auf ihn ankommen lassen, glauben, „dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen“ (Bonhoeffer). Mit solchem vertrauensvollen Blick auf Gott, sagt Jesus, könnt Ihr neu aufbrechen.
Der große theologische Lehrer Karl Barth hat mit 82 Jahren, einen Tag vor seinem Tod einen Vortrag zum Thema „Aufbrechen – umkehren – bekennen“ zu schreiben begonnen. Darin heißt es:
„Die Bewegung der Kirche ist … ein kräftiges Aufbrechen … Aufbrechen vollzieht sich (wie beim Auszug Israels aus Ägypten) in einer Krise. Entschlossener Abschied wird da genommen von (etwas) Bekanntem, … das vielleicht auch seine Vorteile hatte … (etwa in Gestalt der berühmten Fleischtöpfe Ägyptens) … Indem die Kirche aufbricht, hat sie gewählt, sich entschieden. Sie hat sich das Heimweh nach dem, was sie hinter sich lässt, im Voraus verboten. Sie begrüßt und liebt schon, was vor ihr liegt. … Sie hat eine weite Wanderschaft vor sich, auch Kämpfe, auch Leiden, auch Hunger und Durst. Nicht zu verkennen: sie seufzt. Aber noch weniger zu verkennen: sie freut sich. Das echte, rechte Aufbrechen der Kirche ist zuerst ein Jasagen zur Zukunft: erst dann und darum ein Neinsagen zur Vergangenheit … Bloße Müdigkeit, bloße Proteste gegen das Bisherige hat mit der großen Aufbruchsbewegung der Kirche nichts zu tun.
Die Kirche … Jesu Christi … zieht und sieht seinem neuen hellen Kommen entgegen. Darum ist ihr Aufbrechen ein so positives, ein so zielbewusstes … Geschehen.“
Wenn uns das auch gelingt, uns in solches Aufbrechen hineinzubegeben, dann muss auch der Gemeindebund mit seinen berechtigten Protesten nicht schon das Bild für unsere Christengemeinde sein. Dann stelle ich mir eine Gruppe von pflügenden Menschen vor, die mit dem gemeinsamen Ausblick auf das Kommen des Herrn sich gegenseitig die Steine zeigen, die das Vorwärtskommen behindern. Die gemeinsam Steine aus dem Weg räumen oder, wenn sie zu schwer sind, daran vorbei zu gehen suchen oder wenigstens einander helfen, auszuhalten, was uns zu erdrücken droht. Und die zusammen essen und trinken und sich an Jesus Christus herzhaft freuen, den Gott (sogar) von den Toten auferweckt hat. … Amen.
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