GEMEINDEBUND
Inhalt
Das Wort
Sorgen
2. Tim 2,19
Wo ist Kirche?
Kirche und Gemeinde
Was ist Gemeinde?
Apg 1,10-11
Aufbruch
Gemeinde
David und Goliath
Vergebung
Fehler
Die Taufe
Aufbruch Gemeinde
am Scheideweg
Pfr. Heinrich Vogel
Gemeindekirche
Hauptproblem
Freude
Kirche ist Gemeinde
Ortsgemeinde
Pflügen
Wormser Wort
Vortrag
Aufbruch zur Ortsgemeinde
Vortrag von Prof. Dr. Christian Möller, Heidelberg, zur Begegnung am 25. September 2010 in Berlin-Charlottenburg
Wie Reformpläne polarisieren können
Reformen können sehr gut gemeint und auch sehr gut geplant sein und doch zu Polarisationen zwischen euphorischen Reformbefürwortern und verbitterten Reformgegnern führen, spätestens dann, wenn die Reformen zur Ausführung kommen.
1. Aktuelles Beispiel für diese Polarisation ist das Milliardenprojekt „Stuttgart 21“. Die verantwortlichen Planer und Politiker schauen fassungslos aus ihren Hochhäusern auf die Proteste gegen dieses Projekt herab. So viel Protest ist für das „Musterländle“ tatsächlich ungewöhnlich. Dabei ist doch 15 Jahre lang alles bis ins Kleinste geplant und beschlossen worden, und nun wird ein Milliardengeschenk der Bundesbahn, das viele Arbeitsplätze beschafft, von den Befürwortern euphorisch begrüßt und von den Gegnern als „Milliardengrab“ angeprangert. SPIEGEL-Redakteure, die sich unter die Demonstranten mischten, sprechen von einer „bürgerlichen Revolution“, weil es sich vor allem um Ärzte, Handwerker, Therapeuten, Lehrer, Ingenieure usw. handele, die offensichtlich aus wohlhabenden Gegenden Stuttgarts und Umgebung stammen. Was treibt sie zu diesen Protesten? Es ist im Kern m.E. der Unmut, ja der Unwille, eine Großstadt in ihrem Zentrum für neun bis zehn Jahre zu einer Großbaustelle zu machen, so dass ihr Leben über Jahre hinweg gleichsam Übergangs- und Baustellencharakter bekommt. Solange das in irgendwelchen Büros geplant und in Gremien beschlossen wurde, war es den Bürgern ziemlich egal, weil nicht spürbar. Jetzt aber, da die Abrissbagger mit dem Baulärm beginnen, lehnen sich die Menschen auf, weil sie es leid sind, dass das Leben ihrer Stadt und damit auch ihr eigenes Leben Opfer einer riesigen Planung werden soll. Natürlich kochen auch andere ihr Süppchen auf dem Feuer der Proteste, aber das trifft m.E. nicht den Kern der Proteste, zumal ja die Grünen, die sich an die Spitze der Proteste gesetzt haben, kurz zuvor selbst eine ähnliche Polarisation der Bürger am eigenen Leib zu spüren bekamen.
2. Ich spiele auf den Hamburger Protest gegen eine von den Grünen mitsamt ihrer Schulsenatorin geplante Schulreform an. Wieder war es gut gemeint und über Jahre hinweg geplant, dass in den staatlichen Primarschulen alle Schüler sechs Jahre lang miteinander lernen sollten, und nicht mehr bloß vier Jahre. Diese Reform wurde von den einen begrüßt, während andere Bürger gegen diese Reform aufbegehrten. Dass eine so große Hamburger Mehrheit schließlich diese Schulreform in einem Bürgerbegehren kippte, führe ich im Kern auf den Unmut der Menschen darüber zurück, dass die Schule mitsamt den Kindern und Lehrern seit Jahren zum Objekt eines Reformplans nach dem anderen gemacht wird, so dass keine Muße mehr zum Lehren und Lernen einkehren kann. Reformen, zumal Bildungsreformen sind eben beliebte Prestigeprojekte für jede neue Schulsenatorin oder neuen Kultusminister. Genau das führt auf Dauer zu einem Reformüberdruss bei den Bürgern.
3. Dass auch die Universitäten in Deutschland von diesem Reformüberdruss erfasst wurden und seit Semestern studentische Proteste massenhaft laut werden, hängt wiederum mit einer Bildungsreform zusammen, der sog. „Bologna-Reform“, die das Studium überschaubarer und straffer machen soll. Jahrelang wurde auch diese Reform in Gremien von Bildungsexperten beraten, beschlossen und euphorisch begrüßt. Wiederum begann der Aufschrei erst dann, als die Reform in die Tat umgesetzt wurde und die Studierenden wie die Professoren begriffen, was da mit Hilfe von obligatorischen Curricula und Credit Points für eine Verschulung der Universität einsetzt und wie die akademische Freiheit für Forschung und Lehre zu verschwinden droht. Wiederum tönte es nunmehr von allen Verantwortlichen bis zur Bildungsministerin Schavan im Bundestag, dass leider alles zu spät und längst beschlossene Sache sei. Das steigert freilich nur den Reformüberdruss der Studierenden und treibt sie jedes Semester aufs neue zu noch massiveren Protesten.
Ich denke, dass ich nicht noch auf weitere Reformen wie Gesundheitsreform, Bundeswehrreform etc. eingehen muss, denn es dürfte deutlich sein, in welchem allgemeinen Kontext ich die Polarisierung in euphorische Befürworter und verbitterte Reformgegner sehe, die sich im besonderen auch in der Evangelischen Kirche ergeben hat, seit das Reformpapier „Kirche der Freiheit“ 2006 von einer EKD-Planungskommission veröffentlicht wurde und weitere Reformpapiere in einzelnen Landeskirchen wie etwa das „Perspektivprogramm Salz der Erde“ in Berlin folgten. So hat etwa die Forderung des Reformpapiers, 23 Landeskirchen mit Hilfe von Fusionierungen auf zwölf zu reduzieren, bereits in der Zusammenlegung der Thüringer Landeskirche und der von Sachsen-Anhalt zu einer Mitteldeutschen Kirche Folgen gehabt, wie ja auch die Fusion einer Nordkirche, die von der dänischen bis zur polnischen Grenze reichen soll, im Gange ist. Prompt hat sich in Erfurt eine Initiative Salzkorn mit Propst Falcke, Schorlemmer u.a. rings um die Evangelische Akademie Erfurt gebildet, die energischen Protest gegen den technokratischen Geist dieser Strukturreformen erhoben hat und weiter erhebt. In Nordelbien ist es u.a. die Dithmarscher Initiative Ortsgemeinde, die an einem gezielten Widerstand gegen derart riesige, unförmige Gebilde arbeitet, wie sie mit der Nordkirche entstehen sollen. Die eingeschlagene Gegenrichtung hat das erklärte Ziel: Macht die Gemeinde vor Ort stark, denn alles andere von Kirche ist weit, weit weg.
Mit einer anderen Ausrichtung, im Endeffekt aber mit dem gleichen Ziel, agiert seit dem Jahr 2008 in der Bayrischen Landeskirche ein „Aufbruch Gemeinde“, der immer weitere Kreise in ganz Bayern und über Bayern hinaus zieht. Ausgehend von der Feststellung, dass die Gemeinden vom Gesamtsteueraufkommen immer weniger zurückbekommen, forderten die Initiatoren des Aufbruchs Gemeinde am 11.10.2008 in Nürnberg: „Das Geld der Kirche soll dort verwaltet und verteilt werden, wo es herkommt: in den Ortsgemeinden!“. In der lutherischen Kirche Schwedens z.B. gibt es nur Mitgliedsbeiträge an die Ortsgemeinden. Sie bleiben zu 90% in der Gemeinde. 10% werden an die Gesamtkirche abgegeben. Ob dieser Verteilschlüssel modifiziert werden muss, ist eine sekundäre Frage. Entscheidend ist, dass eine Gemeinde weiß, was ihre Mitglieder an Kirchensteuern aufbringen, und dass man eben nicht mehr ausgeben kann, als man eingenommen hat. Wenn das Geld nicht mehr reicht, wird man an Gemeindeglieder herantreten, die längst keine Kirchensteuern mehr zahlen, und man wird sie um ihren Mitgliedsbeitrag bitten. Dazu ist es freilich als erster Schritt auf dem Weg zu einer Finanzhoheit der Gemeinden notwendig, dass einer Ortsgemeinde vom Landeskirchenamt mitgeteilt wird, wie hoch ihr Kirchensteueraufkommen ist. Das Landeskirchenamt in München bekam nun eine Reihe von Anfragen aus den Gemeinden nach der Höhe ihres Kirchensteueraufkommens.
Das ist aber nur die äußere Seite eines Problems, das sich noch einmal anders zeigte, als der vom Landeskirchenamt zur Gründung des „Aufbruchs Gemeinde“ nach Nürnberg herbeigeeilte Oberkirchenrat einwandte, dass eine große Menge des landeskirchlichen Haushalts in Wahrheit für die Gemeinde ausgegeben würde. In dieser Feststellung stecken die vielen Ausgaben drin, die die Kirchenleitung für Projekte zugunsten der Gemeinden aufwendet wie z.B. das Evangelische München- und Nürnbergprogramm, eine bayrische Kommunikationsinitiative, teure Erwachsenenbildungszentren (wie z.B. der „Eckstein“ in Nürnberg) etc. Wieso dann aber Protest und Aufbruch bei den Gemeinden? Weil diese teuren Maßnahmen der Mentalität einer Betreuungskirche von oben her entsprechen, gegen die sich der „Aufbruch Gemeinde“ gerade richtet. Zu dieser Betreuungskirche gehört die „Top-Down-Logik“ einer betriebswirtschaftlichen Organisationstheorie, die sich von drei Prinzipien leiten lässt:
1. Prinzip der zentralen Steuerung
2. Prinzip der Regionalisierung und Filialisierung der Gemeinden
3. Prinzip der medialen Präsenz als Qualitätsmerkmal kirchlicher Aktivität.
Diese Top-Down-Logik mitsamt ihrer betriebswirtschaftlichen Ausrichtung sitzt so tief, dass sie sich nicht einmal vom Scheitern ihrer Projekte wie etwa dem des Evangelischen München- und Nürnbergprogramms beirren lässt, die sich als riesenhafte Flops erwiesen haben. Die Kosten werden vielmehr den Gemeindezuweisungen mit zugerechnet, obwohl die Gemeinden selbst an der Planung solcher Projekte auch gar nicht beteiligt werden. Die Top-Down-Logik sagt vielmehr: „Das ist gut für euch, Ihr werdet das schon sehen!“ Die Gemeinden sehen aber keinen Nutzen in solchen und ähnlichen Projekten, sondern nur noch weniger Mittelzuweisungen von ihren Kirchensteuern, die tatsächlich zu ihnen zurückkommen. Sie sehen auch keinen Nutzen in der Einrichtung von mehr und immer mehr übergemeindlichen Ämtern, die natürlich auch gut gemeint sind, aber deshalb nicht gut sind, weil sie wiederum dazu führen, dass für die Gemeinden [selbst] leider noch mehr und noch mehr Mittel gestrichen werden müssen, so dass es richtig eng und knapp vor Ort wird und der Verdruss um so größer.
Der Aufbruch Gemeinde gleicht dem Aufbegehren von erwachsenen Kindern, die die Betreuungsmentalität ihrer Eltern („Wir meinen es doch so gut mit euch!“) leid sind und deshalb Mitsprache in einer Beteiligungskirche fordern, in der von der Gemeinde als Basis der Kirche her gedacht wird. Ob Begriffe wie „Basiskirche“ oder „Beteiligungskirche“ nur schöne Worte sind oder reale Orientierung für kirchliches Handeln, zeigt sich handfest an dem Umgang mit Geld, frei nach einem Diktum Augustins: „Redet mir nicht von euren Werten, sondern sagt mir, wem ihr euer Geld gebt, und ich sage euch, was euch wertvoll ist.“ In diesem Sinn fordert der „Aufbruch Gemeinde“ Auskunft über die Kirchensteuern, die in den einzelnen Gemeinden eingehen und vom Finanzamt gleich nach München abgeführt werden. Eine zentrale Forderung des „Aufbruchs Gemeinde“: Die Verwaltung der Kirchensteuern gehört in die Ortsgemeinden selbst. Das wäre ein erster handfester Schritt für die Durchbrechung einer Top-Down-Logik zugunsten einer basisorientierten Gemeindekirche, in der den Gemeinden die Kirchensteuerhoheit zukommt. Dann bekämen die Gemeinden auch ein ganz anderes Mitspracherecht bei Projekten und könnten probeweise prüfen, ob diese Projekte tatsächlich die Gemeinde aufbauen und der Kirche vor Ort dienen. Außerdem bekämen auch übergemeindliche Einrichtungen, die von den Gemeinden getragen und finanziert werden, wieder Gemeindenähe.
In diesem Sinn fordert der „Aufbruch Gemeinde“ als ersten und nächstliegenden Schritt zur gegenseitigen Annäherung von Gemeinden und übergemeindlichen Ämtern, dass möglichst jeder übergemeindliche Dienst mit einem begrenzten Gemeindedienst vor Ort verbunden wird. Dadurch könnte auch manche kleinere Pfarrstelle vor Halbierung oder gar Streichung bewahrt werden, wenn der Spezialist oder die Spezialistin zugleich mit einem generalistischen Dienst vor Ort angestellt werden, wie auch der Spezialdienst dann mehr generalistische Bodennähe bekäme.
Was also den „Aufbruch Gemeinde“ in Bayern und über Bayern hinaus so verheißungsvoll wie wirkungsvoll macht, ist die Tatsache, dass er der Kirchengemeinde neue Selbstachtung in einer Gemeindekirche verschafft, während sie als Filiale einer von oben her durchorganisierten und gesteuerten Landeskirche mehr und mehr verkümmern muss, weil sie auf das angewiesen ist, was für sie am untersten Ende einer Top-Down-Organisation noch übrig bleibt.
Der Widerstand, der sich in diesen und ähnlichen Initiativen wie ja auch im „Gemeindebund“ von Berlin-Brandenburg organisiert hat, richtet sich freilich nicht nur gegen die von oben vorangetriebenen Strukturreformen. Er richtet sich ebenso und noch viel mehr an Mitpfarrer und -pfarrerinnen wie auch an Gemeinden, die von Resignation und Depression gelähmt sind, wo es ausgesprochen oder unausgesprochen heißt: ‚Da kannst du eh nichts mehr machen; die da oben haben eben mit der zentralen Verwaltung der Kirchensteuern die Verteilungsmacht; also können sie planen, was sie wollen; wir machen eh nicht mehr mit, sondern haben dicht gemacht.‘ So oder ähnlich schleicht der Reformüberdruss in Gestalt lähmender Resignation durch viele evangelische Gemeinden und Pfarrhäuser. Manchmal scheint mir gar die Reformeuphorie nur die Kehrseite einer Resignation zu sein, die sich noch einmal aufbäumt, dieses oder jenes voranzutreiben sucht, um dann, wenn’s schief geht oder einfach nicht gelingen will, nur um so tiefer der Resignation wieder zu verfallen.
Martin Luthers Kriterien für eine freiheitliche Reform
Nun muss ich freilich auf der Hut sein, dass ich nicht jegliche Reform pauschal verwerfe. Wo käme ich dann mit so mancher gelungener und notwendiger Reform hin und nicht zuletzt mit Martin Luther, der ja auf seine Weise nicht nur ein Reformer, sondern gar ein Reformator war? Gibt es vielleicht bei Luther Kriterien dafür zu lernen, wie eine Reform aussehen müsste, die den Menschen bekömmlich ist, nicht trotz bester Absicht alsbald ihren Unmut hervorruft, sondern möglichst gemeinsam mit den Menschen das Notwendige erkennt und dann auch tut?
Ich gehe zurück zum Jahr 1526, in dem Franz Lambert von Avignon auf Bitten des hessischen Landgrafen Philipp einen Reformplan entwarf, wie Gemeinden geordnet sein sollten, die dem Evangelium folgen. Auf der Homberger Synode von 1526 wurde dieser Plan zur Reform aller hessischen Gemeinden beschlossen. Demnach sollte jede Gemeinde in zwei Kreisen aufgebaut sein: Ein weiterer Kreis mit denjenigen, die den Gottesdienst besuchen und das gepredigte Wort hören; ein engerer Kreis mit denen, die sich der nach biblischem Gesetz durchgeführten Kirchenzucht unterwerfen und deshalb auch am Abendmahl teilnehmen dürfen. Nur dieser engere Kreis sollte als evangelische Gemeinde in Betracht kommen und Vertreter in die Synode aller hessischen Gemeinden entsenden dürfen.
War dieser Reformplan dem Landgrafen Philipp von Hessen nicht ganz geheuer oder wollte er nur sicher gehen, so schickte er ihn auf jeden Fall vor der endgültigen Einführung nach Wittenberg und erbat von Martin Luther eine Stellungnahme. Die Antwort, die Luther am 7. Januar 1527 nach Marburg schrieb, erscheint mir auch für gegenwärtige Reformpläne in der Kirche von einer so grundsätzlichen Bedeutung zu sein, dass ich den wesentlichen Teil seines Briefes hier wiedergeben möchte:
„Eure Fürstlichen Gnaden sollte nicht gestatten, schon jetzt diese Ordnung durch den Druck zu veröffentlichen. Denn ich bin bisher noch nicht so kühn gewesen und kann es auch noch nicht sein, eine solche Menge Gesetze mit so gewaltigen Worten bei uns einzuführen. Nach meiner Meinung wäre es richtig, so zu verfahren, wie es Mose mit seinen Gesetzen getan hat: Er hat sie zum größten Teil aus der Gewohnheit, die aus altem Herkommen im Volk lebendig war, entnommen, aufgeschrieben und geordnet. So sollte Eure Fürstlichen Gnaden zuerst die Pfarren und Schulen mit tüchtigen Personen versehen und zuvor erproben, mit mündlichen Befehlen und schriftlichen Mandaten – und das alles aufs Kürzeste und aufs Notwendigste beschränkt – was sie tun sollen. Und noch viel besser wäre es, wenn die Pfarrer zuerst einer, drei, sechs, neun untereinander eine einheitliche Weise in einem oder drei, fünf, sechs Stücken anfingen, bis sie in Übung und Gebrauch kommen, und danach weiter und mehr, wie sich die Sache wohl selbst geben und alle überzeugen wird, so lange, bis alle Pfarrer nachfolgen. Dann erst könnte man es in einem Büchlein zusammenfassen.
Denn ich weiß es wohl und habe es auch wohl erfahren, dass die Gesetze, wenn sie zu früh und vor der Gewohnheit und der Übung festgesetzt werden, selten gut geraten. Die Leute sind nicht für das befähigt, was diejenigen für richtig halten, die am grünen Tisch sitzen und mit Worten und Gedanken sich ausmalen, wie es gehen sollte. Vorschreiben und Befolgen ist weit auseinander. Und die Erfahrung wird es lehren, dass viele Teile dieser Ordnung sich werden ändern müssen und einige für die Obrigkeit allein bleiben. Wenn aber einige Stücke in Übung kommen und zur Gewohnheit werden, ist es leicht, sie zusammenzufügen und zu ordnen. Es ist das Gesetzemachen eine große, gefährliche, weitläufige Sache, und ohne Gottes Geist wird nichts Gutes daraus. Darum ist hier mit Furcht und Demut vor Gott zu verfahren und dieses Maß zu halten: Kurz und gut, wenig und gut, nicht zu hastig und stetig fort. Danach, wenn die Gesetze eingewurzelt sind, wird das Hinzufügen von allein mehr folgen als es nötig ist, wie es Mose, Christus, den Römern, dem Papst und allen Gesetzgebern ergangen ist.“
(WA Br. 4, 157f Nr. 1071) 
Dieser Brief, der übrigens für die Entstehung der Universität Marburg im Jahr 1527 entscheidende Bedeutung hatte, lässt Kriterien erkennen, die auch für das Planen von Reformen heute wichtig sind:
1. Reformen, die am „grünen Tisch“, also von oben her, ausgedacht und geplant werden, mögen gut gemeint sein, missraten aber dennoch, weil „Vorschreiben und Befolgen“ weit auseinander liegen, und weil die Leute nicht für das befähigt sind, was die am „grünen Tisch“ Sitzenden, also die Reform- und Strukturkommissionen sich ausgedacht haben, wie es gehen solle.
2. Reformen wachsen vielmehr durch gemeinsame Übung und Gewohnheit von unten her, indem einige sich in 1-3-6-9 Stücken allmählich einig werden, sie gemeinsam weiter erproben und darauf setzen, dass die anderen irgendwann von selbst folgen werden.
3. Nicht in ausgedachten Strukturen liegt der verheißungsvolle Anfang von Reformen, sondern bei tüchtigen Personen, die durch Übung und Brauch allmählich Strukturen erproben und wachsen lassen, um sie dann so kurz und schlank wie möglich aufzuschreiben und festzulegen.
Dieser freiheitliche Geist, den Luthers Brief kennzeichnet und der den Landgraf Philipp dazu bringt, die schon beschlossene „Reformatio ecclesiarum Hassiae“ alsbald wieder verschwinden zu lassen, war ja schon kennzeichnend für die Reformvorschläge, die Luther 1523 an die Gemeinde in Leisnig schrieb und die auch seine 1526 verfasste „Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes“ atmete, die mit den bezeichnenden Sätzen beginnt: „Vor allen Dingen will ich gar freundlich gebeten haben, auch um Gottes Willen, alle diejenigen, so diese unsere Ordnung im Gottesdienst sehen und befolgen wollen, dass sie ja kein nötig Gesetz draus machen, noch jemands Gewissen damit verstricken oder fangen; sondern, der christlichen Freiheit nach, ihres Gefallens brauchen, wie, wo, wann und wie lange es die Sachen schicken und fordern.“ (MA 3, 241) In diesem Sinn kann Luther auch eine „rechte Art evangelischer Ordnung“ für die skizzieren, „so mit Ernst Christen sein wollen“: Sie könnten sich etwa in einem Haus versammeln zum Gebet. „Hier könnte man auch eine kurze feine Weise mit der Taufe und Sakrament halten und alles aufs Wort und Gebet und die Liebe richten“. Hier wäre auch gegenseitige Mahnung und Kirchenzucht im Sinn von Mt 18,15f möglich, auch Diakonie nach dem paulinischen Beispiel von 2. Kor 9 usw. Diese und weitere Vorschläge fasst Luther mit dem Satz zusammen, der zugleich die alles entscheidende Bedingung für solche und ähnliche Ordnungen nennt: „Kürzlich, wenn man die Leute und Personen hätte, die mit Ernst Christen zu sein begehrten, die Ordnungen und Weise wären bald gemacht.“ Wieder ist es die für Luther typische Reihenfolge: Nicht Ordnungen machen Menschen, sondern Menschen machen Ordnungen, und sie werden so schlecht oder so gut, wie eben die Menschen sind, die sie machen. Deshalb kommt es auf die Leute an, die „mit Ernst Christen zu sein begehren“, und die, so fährt Luther fort, „habe ich noch nicht, und ich sehe auch nicht viel, die dazu dringen.“
Auf diese Sätze Luthers und ihren freiheitlichen Geist haben sich seit Philipp Jakob Speners Reformschrift „Pia Desideria“ im 17. Jahrhundert bis zum heutigen Tage viele Gruppen und Gemeinden berufen, die die von oben her dirigierte Landeskirche wie eine Zwangsjacke empfanden, sie aber dennoch nicht verlassen wollten oder konnten, sondern einen eigenen Weg in der und mit der Landeskirche suchten. Ich denke etwa an die große Gemeinschaftsbewegung, an Wicherns Diakonievereine oder gegenwärtig an die Lobpreisgemeinden, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Wo immer diese oder ähnliche Gruppen bekämpft, an den Rand oder gar aus der Landeskirche hinausgedrängt wurden, hat sich die Kirche viel größeren Schaden zugefügt als diesen Gruppen selbst. Wo immer aber die Landeskirchen mit diesen Gruppen und Gemeinden Wege zu einer unterschiedenen, freiheitlichen Gemeinsamkeit gesucht haben, ist daraus großer Gewinn für die ganze Kirche und ihre Menschen erwachsen.
Was hat etwa die lutherische Volkskirche Dänemarks für einen großen Gewinn bis heute davon, dass sie im 19. Jahrhundert die feurige Anhängerschaft Grundtvigs, die auf Selbstständigkeit und Freiheit der Gemeinde drangen, dennoch integrieren und sie bis heute zu selbstständigen, mündigen Wahlgemeinden in der Volkskirche werden ließ, die ihre Pfarrer bis heute selbstständig wählen dürfen. Welchen Schaden hat etwa die preußische Zwangsunion im 19. Jahrhundert dadurch erlitten, dass sie weder für bekennende Lutheraner noch für die entsprechenden Reformierten einen Raum ließ, so dass dann eine altlutherische und heute selbstständig lutherische Kirche (SELK) wie auch „niederländisch-reformierte Gemeinden“ außerhalb der Landeskirche entstanden. Und welchen Schaden hatte die Deutsche Evangelische Kirche (DEK) im Dritten Reich dadurch, dass sie die Gemeinden der B.K. an den Rand drängten und sie zu Not-Gemeinden werden ließ!
Aus solchen Erfahrungen sind manche Landeskirchen heute klug geworden, wie etwa die Württembergische Landeskirche, die nach Wegen sucht, wie sie sog. „Gemeinschaftsgemeinden“ integrieren können, die nicht die Landeskirche verlassen, sondern in Dorfgemeinschaftshäusern oder anderen Hallen ihre Lobpreisgottesdienste feiern und eigene Gemeinden in der Landeskirche bilden können. Ähnlich ist es in Kurhessen, dass dort die Kirchenleitung auf eine in Marburg explosiv wachsende Christustreff-Gemeinschaft von jungen Menschen zuging, ihnen die Kirchen öffnete und kürzlich den Leiter dieser Bewegung, Roland Werner, zum Generalsekretär des CVJM in Kassel machte. Das geht freilich nicht ohne Grummeln oder gar laute Proteste bei einigen Marburger Pfarrern und ihren Gemeinden ab, erweist sich nach meiner Beobachtung aber dennoch mehr und mehr zum Segen aller Beteiligte
Konstruktive Reformschritte
Natürlich ahnen Sie bereits, warum ich das alles erst historisch und dann mit gegenwärtigen Beispielen vor Ihnen ausbreite. Ich möchte gern mit Ihnen auf dem Hintergrund historischer und gegenwärtiger Beispiele überlegen, wie der Gemeindebund, der ja aus einer Konfrontation und aus gerichtlichen Auseinandersetzungen mit der Landeskirche EKBO hervorgegangen ist, auf einen konstruktiven Weg in die Zukunft gemeinsam mit der Landeskirche findet, ohne seine wichtigen Anliegen preisgeben zu müssen, nämlich Gemeinden, auch und gerade kleinen Gemeinden, zu ihrem Recht und zu ihrer Selbstständigkeit zu helfen, Resignation in Kirche und Pfarrhaus zu überwinden und Gemeinschaft zwischen den Gemeinden in der Kirche zu stiften. Wie könnten solche konstruktiven Schritte in die Zukunft aussehen? Natürlich habe ich keine Patentrezepte oder -lösungen in der Tasche. Ich habe aber Beispiele aus anderen Landeskirchen, wie es aussehen kann, wenn Aufbruch zur Ortsgemeinde geschieht:
1. Ich beginne mit dem Beispiel eines bayrischen Unternehmers, den ich auf dem Podium der letzten Jahresversammlung des „Aufbruchs Gemeinde“ in Nürnberg erlebt habe. Er berichtete von seiner Gemeinde, die er mitleitet. Sie wachse seit längerer Zeit nicht nur zahlenmäßig und finanziell, sondern vor allem geistlich. Die geistliche Qualität habe sich in dem GOTT feiern Logo der Kirchengemeinde niedergeschlagen, das die Zielvorstellung dieser Gemeinde zum Ausdruck bringe. Es laute kurz und bündig: „Gott feiern“. Das sei aber nicht nur ein schönes Logo, sondern ziehe sich tatsächlich wie ein roter Faden vom Gottesdienst her durch alle Bereiche der Gemeindearbeit. Gottes Gegenwart werde vor Ort nahe bei und mit den Menschen gefeiert. Hier gilt also nicht mehr das unausgesprochene Motto vieler Kirchengemeinderäte und Pfarrkonferenzen: „Wo zwei oder drei in Kirchens Namen versammelt sind, da ist ein Problem in ihrer Mitte!“ Es gilt vielmehr, dass die Kirchengemeinde in allen ihren Bereichen und Kreisen Gottes Gegenwart feiert. Hier hat nicht die Sorge die Herrschaft: „Wie kommen wir bei den Leuten an?“. Es gilt vielmehr: „Hier wird Gott um Gottes willen gefeiert!“
Ich erzähle Ihnen von diesem Beispiel, weil es so nahe liegt bei einem Grundsatz des Gemeindebundes, den ich selbst auch so wichtig finde, dass nämlich bei allen Kirchenreformen die vorrangige Frage lauten muss: In welchem Geist gehen wir etwas an? Wie verbinden sich technische und inhaltliche Dinge in der Kirche? Eben das ist in dem Beispiel aus Oberbayern ganz klar, dass hier schon im Logo der Gemeinde der Glaube an Gottes gefeierte Gegenwart verankert ist, der die Gemeinde davor bewahrt, aus einem defizitären Geist heraus zu handeln: Was fehlt uns? Welche Probleme müssen angegangen werden? Nein, „Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten“. Das ist der Ton, auf den alles gestimmt wird, und dann geschieht alles andere nahezu von selbst oder wird zumindest leichter und beschwingter.
2. Das andere Beispiel hat mit einer Mail zu tun, die ich vor einiger Zeit bekam:
„Wir, die Jugendlichen der Martin-Luther-Kirchengemeinde Schönhagen, wenden uns an Sie, weil wir uns große Sorgen um die Zukunft unserer Gemeinde machen. Wir brauchen Ihre Hilfe, damit wir in Schönhagen immer einen Pastor haben. – Die evangelisch-lutherische Martin-Luther-Kirchengemeinde Schönhagen ist eine kleine, aber sehr lebendige Gemeinde in Südniedersachsen im Gebiet der Hannoverschen Landeskirche. Wir Jugendlichen durften und dürfen so viel Segensreiches in dieser Gemeinde und mit unserem Pastor erleben. Im Konfirmandenunterricht, während unserer Konfirmandenfreizeiten, im Jugendbibelkreis, in der Jugendgruppe, als Mitarbeiter der Gemeinde, im Gottesdienst und bei vielen anderen Veranstaltungen erfahren wir immer wieder, dass Jesus Christus für uns da ist und nur er uns etwas geben kann, was unser Leben trägt. Wir erleben so vieles, was uns in unserem Glaubensleben prägt, wunderbare Erlebnisse und Begegnungen, Gebete und Gespräche. Das ist bei uns möglich, weil ein Pastor vor Ort ist, der sein Leben und seinen Glauben mit uns Jugendlichen teilt und feiert, ein Pastor in unserer Mitte, der jederzeit für uns da ist. Mit unseren Sorgen, Fragen und Problemen, aber auch mit unseren Freuden finden wir immer ein offenes Ohr im Pfarrhaus. Wir erleben unsere Kirchengemeinde als einen Ort, an dem Jesus Christus wirklich gegenwärtig ist, an dem wir ernst genommen werden und an dem wir Orientierung und Halt finden. Wir wollen dabei mithelfen, dass auch Jugendliche nach uns dies erleben können. Deshalb brauchen wir Ihre Unterstützung –
Das Problem: Unsere Gemeinde hat mit 1.300 Gemeindegliedern nur noch eine halbe Pfarrstelle. Ein Förderverein und seit 2003 auch eine neu gegründete Stiftung „Kirche im Dorf“ helfen bei der Finanzierung, damit wir eine volle Pfarrstelle haben. 370.000 Euro Kapitel hat die Stiftung in sieben Jahren schon eingeworben. Wir brauchen mittelfristig 700.000 Euro Kapital, damit wir aus den Erträgen verlässlich eine volle Pfarrstelle sichern können. Bitte helfen Sie uns, dass unsere Gemeinde auch in Zukunft so lebendig bleibt.“
Natürlich habe ich auf so einen flammenden Aufruf auch gespendet, zumal es sich bei dem Pfarrer um einen Schüler von mir handelt, in dessen Gemeinde es zu einer regelrechten Erweckung gekommen ist, obwohl, oder besser: weil er nichts anderes getan hat und noch tut, als mit der Gemeinde im Gottesdienst und bei anderen Gelegenheiten Gottes Gegenwart im Namen Jesu zu feiern, und das so einfach, so elementar und so klar wie möglich, vor allem mit den Konfirmanden, die nach der Konfirmation scharenweise in die Jugendarbeit einrücken.
Und doch habe ich meine Spende nur knirschend überwiesen und das auch dem Gemeindepfarrer gesagt, der für meine Frage volles Verständnis hatte: Warum reichen eigentlich nicht 1.300 Gemeindeglieder aus, um eine volle Pfarrstelle am Ort zu finanzieren? Bei meinen Freunden und Schülern in der methodistischen wie in der altlutherischen Kirche reichen 300 Gemeindeglieder allermeist aus, um eine volle Pfarrstelle und gesamtkirchliche Lasten zu finanzieren. Rechnet man pro Kirchensteuerzahler in der Landeskirche 250 Euro im Schnitt pro Jahr, so bringen 1.000 Gemeindeglieder 250.000 Euro auf. Das reicht allermeist, um einen Pfarrer, eine Diakonin, einen Organisten und einen Küster zu bezahlen, aber auch für gesamtkirchliche Kosten mit aufzukommen. Was also ist passiert, dass etwa in der Hannoverschen Kirche die Richtzahl einer Gemeinde auf 3.000 [Gemeindeglieder] festgesetzt wurde? Diese hohe Zahl ist natürlich für die Arbeit eines Pfarrers oder eine Pfarrerin deprimierend, weil er oder sie nun kaum noch weiß, wo sie anfangen müssen und wann sie auch einmal aufhören dürfen.
Ich denke, dass an dieser Stelle eine in ihren Zahlen und Verpflichtungen gefangene Landeskirche überfordert ist, Abhilfe zu schaffen. Um so mehr aber erhoffe ich mir Pionierarbeit von einer so kleinen Gruppe wie dem Gemeindebund, in Absprache, vielleicht sogar in Ermutigung durch die Kirchenleitung, zeichenhaft mit Versuchen zu beginnen, die zu kleineren, überschaubaren Gemeinden führen, in denen Gottes Gegenwart an diesem oder jenem Ort gefeiert wird. Das käme dann irgendwann auch der Landeskirche zugute, die eigentlich glücklich sein müsste, dass es in ihrer Mitte so einen Gemeindebund gibt.
Zehn zusammenfassende Thesen
1. Es ist merkwürdig, dass in altlutherischen, methodistischen, baptistischen und anderen freien Gemeinden nur 300 Menschen nötig sind, um einen Pfarrer zu bezahlen und weitere gesamtkirchliche Aufgaben mit zu tragen, während die Richtzahl für landeskirchliche Gemeinden z.B. in Niedersachsen bei 3000 liegt. Wie kommt es zu dieser Differenz?
2. Die landeskirchlichen Ortsgemeinden tragen mit ihrem Kirchensteueraufkommen übergemeindliche Dienste mit wie z.B. kreiskirchliche Ämter, Landeskirchenamt und weiter bis zu EKD und zu ökumenischen Diensten, die je auf ihre Weise dafür sorgen, dass die Ortsgemeinden kreiskirchlich, landeskirchlich, gesamtkirchlich und ökumenisch vernetzt werden.
3. Seit 1949 überweisen die staatlichen Finanzämter die Kirchensteuern zentral an das jeweils zuständige Landeskirchenamt (LKA), das zur eigentlichen Verteilungsmacht in der Evangelischen Kirche geworden ist, übrigens auch in der Verteilung und Zuweisung von Pfarrstellen. Diese Zentralisierung hat für die Unabhängigkeit der PfarrerInnen in der Besoldung gesorgt und einen Ausgleich zwischen ärmeren und reicheren Gemeinden geschaffen. Freilich müssen die Ortsgemeinden nun sehen, was nach dem im LKA beschlossenen und von der Landessynode abgesegneten Verteilschlüssel noch an Kirchensteuern zu ihnen zurückkommt. In den „fetten Jahren“ reichte es aus, um die kirchlichen Aufgaben vor Ort und die Angestellten der Ortsgemeinde ebenso bezahlen zu können, wie auch alle weiteren Aufgaben übergemeindlicher Art finanziell mit zu tragen.
4. Seit aber die „mageren Jahre“ (etwa seit 2000) gekommen sind, wird es in allen Bereichen der Kirche immer enger. Nun wird es zum Problem, dass seit 1960 immer mehr übergemeindliche Stellen und Ämter geschaffen wurden, und dass die Kirche immer mehr Verpflichtungen einging, die sie heute kaum noch bezahlen kann. Beispiel Niedersachsen: „Von 1954 bis 2004 ist in der hannoverschen Landeskirche die Zahl der Kirchenmitglieder von 3,9 auf 3,1 Millionen, d.h. um 20% gesunken; die Zahl der Gemeindepastorinnen liegt leicht unter dem Stand von 1954, die Zahl der übergemeindlichen PastorInnen ist jedoch um 400% gestiegen; die Zahl der MitarbeiterInnen stieg sogar um 600%, von 5.000 auf ca. 30.000. Das wirkt sich auf die Ortsgemeinden immer belastender aus, weil die Zuweisungen vom LKA an die Ortsgemeinden knapp und knapper werden“
5. Scheinlösungen sollen dem Problem abhelfen, die aber bei näherem Hinsehen nur noch größere Probleme hervorrufen:
5.1 Ortsgemeinden werden fusioniert (doch werden dadurch gewachsene Identitäten vernichtet; es entstehen unüberschaubare Gemeinden, die so groß sind, dass sie von einem Pfarrer kaum noch betreut werden können).
5.2 Küster werden entlassen (und die Bausubstanz verkommt!);
Sekretärinnen auf wenige Stunden reduziert (und die Gemeindepräsenz schwindet);
Organisten werden, wenn überhaupt, nur noch auf C-Niveau angestellt (und die musikalische Qualität der Gottesdienste sinkt ab);
Kindergärten werden geschlossen (und die diakonische Verantwortung der Gemeinde geht verloren)
usw.
5.3 Der Planungsstab der EKD schlug vor, um die Landeskirche attraktiver zu machen: „Gemeinden von rein parochialer Struktur sollen von bisher 80% auf 50% gesenkt werden, während Profilgemeinden wie City-, Jugend- oder Kulturkirchen usw. auf 50% erhöht werden.“ (Die den Ortsgemeinden vorgeworfene „Milieuverengung“ würde sich dann in der Evangelischen Kirche drastisch erhöhen, wenn jedes „Milieu“ prinzipiell nur noch für sich bleibt.)
6. Wenngleich die Ortsgemeinde nahe bei den Menschen und „Kirche der kurzen Wege“ ist, wäre es freilich auch keine Problemlösung, wenn es nur noch Ortsgemeinden und keine andere Gestalten von Kirche mehr geben sollte. Die Kirche hat von Anfang an Orts- und Ordensgemeinden gehabt. Diese doppelte Gestalt der Kirche hat sich auch im evangelischen Bereich mit Diakonievereinen, Diakonissenhäusern, Kommunitäten, landeskirchlichen Gemeinschaften etc. wieder neu eingestellt.
7. Freilich haben die alternativen Gestalten von Kirche sich in der Regel selbst getragen und nicht auf Kosten der Ortsgemeinden existiert, wie auch Ordensgemeinden der Katholischen Kirche sich bis heute selbst finanzieren. Zu diesem Grundprinzip in der Kostenverteilung gilt es in der Evangelischen Kirche so behutsam und so entschieden wie möglich wieder zurückzukehren.
8. Um dieses Fernziel anzusteuern, gilt es viel Überzeugungsarbeit zu leisten:
8.1 zuerst in den Ortsgemeinden und bei ihren Kirchenvorstehern, damit sie sich wieder als Basis und Subjekt der Kirche zu begreifen lernen im Licht von Martin Luthers Schrift: „Dass eine christliche Gemeinde Recht und Macht habe …“ (1523). Deshalb müssen sie auch Abschied nehmen von allen verinnerlichten römischen Vorstellungen, wonach beim Bischof und seiner Behörde in der Kirche „oben“ sei, während es doch nach evangelischem Verständnis beim Bischof und seiner Behörde um Dienstleute der um Wort und Sakrament versammelten Gemeinde geht.
8.2 bei Synodalen ist dafür zu werben, dass so viel Macht wie nur möglich mit den Ortsgemeinden geteilt wird, sowohl im Blick auf Finanzverteilung wie im Blick auf Stellenbesetzung. Vor allem ist viel Überzeugungsarbeit dafür zu leisten, dass das Landeskirchenamt seine Arbeit wieder als Dienstleistung für Gemeinden zu verstehen lernt.
8.3 Bei den Mitarbeitern der übergemeindlichen Ämter und Dienste ist wohl am meisten Überzeugungsarbeit dafür zu leisten, dass sie als freie kirchliche Dienste und alternative kirchliche Werke in der finanziellen Unabhängigkeit von der Kirche, in überzeugenden Angeboten und in der Spendenwerbung viel freier und missionarischer werden als in der Lohnabhängigkeit von der Kirche.
9. Diese Überzeugungsarbeit muss von Initiativgruppen ausgehen, zu denen Pfarrer wie Kirchenvorsteherinnen, Laien wie Profis, Gemeindeglieder wie Kirchenferne gehören können. Es sind Menschen, denen die Verwurzelung der evangelischen Kirche in ihrer reformatorischen Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade und einer davon inspirierten Gestalt der Gemeinde vor Ort am Herzen liegt.
10. Das Ziel solcher Initiativen, wie es sie schon in Württemberg, Bayern, Kurhessen, Nordelbien, Niedersachsen und Berlin-Brandenburg gibt, besteht darin, dass es auch in der evangelischen Landeskirche wieder möglich wird, kleine, überschaubare Kirchengemeinden vor Ort zu bekommen, die von menschlicher Nähe und evangelischem Geist geprägt sind.
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