GEMEINDEBUND
Inhalt
Das Wort
Sorgen
2. Tim 2,19
Wo ist Kirche?
Kirche und Gemeinde
Was ist Gemeinde?
Apg 1,10-11
Aufbruch
Gemeinde
David und Goliath
Vergebung
Fehler
Die Taufe
Aufbruch Gemeinde
am Scheideweg
Pfr. Heinrich Vogel
Gemeindekirche
Hauptproblem
Freude
Kirche ist Gemeinde
Ortsgemeinde
Pflügen
Wormser Wort
Predigt
„Kirche der Freiheit“ – auch „Kirche der Freude“!?
Predigt zur Begegnung am 27. März 2010 in Fretzdorf, Pfr. i. R.Kurt Kreibohm
Liebe Gemeinde, mein Name ist Kurt Kreibohm, ich fühle mich als „Amateur“, lat. Amator, als Liebhaber unserer Kirche und vor allem unserer Gemeinden. Ich war von 1972 bis 2009 insgesamt 37 Jahre Vikar und Pfarrer in vier Gemeinden Berlin-Spandaus und Berlin-Zehlendorfs, zuletzt in der Gemeinde Zur Heimat, die auch Mitglied im Gemeindebund geworden ist.
Jetzt bin ich bin aufgrund einer Herzerkrankung im Ruhestand. Ich bin dankbar und glücklich, dass ich lebe dank moderner Medizin, ich bin auch froh und dankbar, dass ich ehrenamtlich als Seelsorger in einem Diakonie-Hospiz in Berlin-Wannsee Sterbenden beistehen kann: In diesem Beistand und Dialog geht es um Geben und Nehmen, um eine gegenseitige Hilfe. Sterbende haben sehr oft eine Botschaft an uns, sie haben etwas zu sagen, wir können viel von ihnen lernen, wenn sie – wie wir das manchmal unbewusst sagen – „das Zeitliche segnen“ wollen.
Sterbende sind Menschen wie du und ich, der Unterschied ist: Sie wissen definitiv, dass sie nur Gäste auf Zeit sind, so werden sie auch vom Hospiz genannt, „Gäste“. Sie wissen, dass sie das Haus und das Bett, in dem sie liegen, nur noch als Verstorbene verlassen werden. Und doch oder gerade deswegen lieben sie das Leben, sie spielen, sie singen und stricken, sie lieben die Blumen, die man ihnen bringt, die Bilder, die man ihnen hingehängt hat, sie essen ihre Lieblingsgerichte, wenn es noch geht, oft riecht es beim Betreten des Hauses richtig lecker und gut nach Steaks oder frisch gebackenem Kuchen.
Ich habe dort gelernt: Gerade Sterbende lieben es zu feiern, sie wollen erzählen und lachen. Sterbende wissen, was wirklich wichtig ist, sie genießen das Leben, wenn sie noch wach sind, trotz der Sorgen und Schmerzen, die ihnen möglichst genommen werden. Dazu helfen ihnen hoch motivierte, gut ausgebildete haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Eine befreiende, ansteckende Gelassenheit, fast Heiterkeit liegt über diesem Ort, aus dem ich selbst immer wieder gestärkt nach Hause gehe.
Ich habe nun mehr Zeit, auch an meinem Computer im Internet Dinge genauer anzusehen und nachzulesen, Dinge, zu denen ich als Gemeindepfarrer mit einer 60-Stunden-Woche kaum kam:
Und so habe ich im Internet auf der Seite des Gemeindebundes unter dem Link „Unser Pfarrer soll im Dorf bleiben …“ die zahlreichen Schriftsätze, Artikel, Protokolle und Briefe gelesen, in denen es um die beabsichtigte Abberufung von Pfarrer Stephan Scheidacker in Manker-Temnitztal durch das Konsistorium und den Kirchenkreis bzw. Superintendenten geht. Ich muss gestehen: Mir sind bei der Lektüre die Heiterkeit des Diakonie-Hospizes, die Weisheit und die Gelassenheit der Sterbenden verloren gegangen. Mir ist es beim Lesen ziemlich übel geworden. Ich fragte mich immer wieder: Soll das wirklich noch unsere und meine Landeskirche sein? Es geht dort um Anlässe und Maßnahmen, die ich immer noch nicht verstehen oder nachvollziehen kann.
Am wenigsten geht es anscheinend um das Evangelium, die „Gute Nachricht, frohe Botschaft“, am wenigsten spürt man Liebe und Begeisterung. Erschreckt hat mich vor allem am meisten aber der Mangel an Freude.
Smiley
Liebe Freunde, liebe Brüder und Schwestern, Evangelium ist das biblische Wort für Frohe Botschaft – ein anderes Wort für Freude – und dies wiederum ist ein anderes Wort für Motivation, für Engagement, für Begeisterung, für Opferbereitschaft, für Gemeinschaft, für Vertrauen, für ein Leben in Liebe und Gemeinschaft.
Ausgerechnet in seinen Abschiedsreden, als Jesus weiß, dass Er sterben muss, sagt Er seinen Jüngern in Johannes 15:
9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!
10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.
11 Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.
12 Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.
Und der Apostel Paulus schreibt der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth im 2. Korintherbrief:
1,24 Nicht dass wir (a) Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen [„Synergoi“ = Mitarbeiter] eurer Freude; denn ihr steht im Glauben.
Immer und immer wieder taucht beim Apostel und auch in den anderen Schriften es Alten und des Neuen Testaments die „Freude“ auf, gehen Sie es doch einmal in Ihrer Konkordanz durch. Gerade Paulus, der uns so oft als knochentrockener, humorloser, blutleerer Theologe, Kämpfer mit dem Schwert des Geistes in der Hand vorgestellt wird, ist doch viel mehr ein Liebhaber des Lebens und der Freude:
Im Galaterbrief heißt es:
5,22 Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue usw.
Im 1. Thessalonicherbrief:
5,16 Seid allezeit fröhlich, 5,17 betet ohne Unterlass, 5,18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.
Paulus beschreibt den Unterschied oder Gegensatz zwischen Glauben und Nicht-Glauben, zwischen „in Christus sein“ und Nicht-Christsein mit den Begriffen „Gesetz und Evangelium“ sowie „Buchstabe und Geist“ im 2. Korintherbrief: Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. (2. Kor. 3,6) Oder Römer 7,6: Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und Ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, so dass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.
Zum Leben im Geist Gottes gehört für Paulus die Freude einfach dazu, und wo sie nicht mehr anzutreffen ist, wird sie schmerzhaft vermisst. Römer:
12,12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
12,14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
12,15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Angesichts ihres eigenen Sterbenmüssens äußern auch andere Theologen nach Paulus, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben und im Glauben:
Der Theologe Karl Barth schreibt 1968 drei Wochen vor seinem Tod: „Ein Christ treibt dann gute Theologie, wenn er im Grunde immer fröhlich, ja mit Humor bei seiner Sache ist. Nur keine verdrießlichen Theologen! Nur keine langweiligen Theologen!“
Dietrich Bonhoeffer, von dem wir heute noch mehr hören werden, schrieb aus seiner Gefängniszelle in Berlin-Tegel, dass Humor den christlichen Glauben in der Not stärke.
(www.ursulahomann.de/DasChristentumUndDerHumor/kap012.html)
Dietrich Bonhoeffer
Payne Best, englischer Offizier und Mithäftling im Konzentrationslager Buchenwald, 1945, sagte über ihn: „Er war fröhlich und aufgelegt, jeden Scherz zu erwidern. Bonhoeffer war ganz Bescheidenheit und Freundlichkeit. Er schien immer eine Atmosphäre von Vergnügtheit um sich zu verbreiten, von Freude an den kleinsten Ereignissen des Lebens und von Dankbarkeit für die bloße Tatsache, dass er lebte … Er war einer der ganz wenigen Männer, die ich je getroffen habe, denen ihr Gott immer nahe und wirklich war.“
Aus „An Dietrich Bonhoeffer erinnert“, Kölner Stadt-Anzeiger, 9. Febr. 2006
„… Zum Abschluss zitierte Carla Brochhagen das heute als Kirchenlied bekannte ‚Von guten Machten treu und still umgeben‘. Dieses Gedicht sendete Bonhoeffer als Weihnachtsgruß an seine Eltern und seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Auch in diesem, einem seiner letzten Briefe, zeigte Bonhoeffer noch Humor und schrieb: ‚Könnt ihr meine Unterhosen so konstruieren, dass sie nicht rutschen? Man hat hier keine Hosenträger.‘ …“
Alfred Delp, ein katholischer Priester, der ebenfalls von den Nazis hingerichtet wurde, fragte auf dem Weg zur Hinrichtung den ihn begleitenden Pfarrer nach den letzten Neuigkeiten von der Front und sagte dann: „In einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie.“
Und ich denke an einen Mann, er war engagierter Christ, auf Kirchentagen ein gern gesehener Gast, kein Theologe, ein Mann, der vor fünf Jahren im Alter von 80 Jahren starb: Bis zum Alter von 14 Jahren hatte er wegen einer Missbildung der Füße mehrmals Operationen zu ertragen. So musste er in unförmigen Filzpantoffeln herumlaufen, da ihm keine Schuhe passten, und konnte kaum mit anderen Kindern spielen. So schrieb er u.a. Gedichte, und dafür wurde er berühmt.
Ein Gedicht entstand vor 20 Jahren, als es den Reformprozess der EKD noch nicht gab, als man noch nichts hörte vom Unternehmen Kirche, von Leuchttürmen, Mentalitätswandel, Bench Marking, Qualitätssicherung und McKinsey …
(Sie müssen erst einmal hören, dann lasse ich Sie mal raten, wer es ist bzw. war):
Als die Nachricht um die Erde lief, Gott sei aus der Kirche ausgetreten,
wollten viele das nicht glauben.
„Lüge, Propaganda und Legende“, sagten sie,
bis die Oberen und Mächtigen der Kirche sich erklärten
und in einem sogenannten Hirtenbrief folgendes erzählten:
„Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn,
In aller Freundschaft nahegelegt, doch das Weite aufzusuchen,
aus der Kirche auszutreten und gleich alles mitzunehmen,
was die Kirche immer schon gestört.
Nämlich seine wolkenlose Musikalität,
seine Leichtigkeit und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld.
Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben,
seine Nachsicht, seine fassungslose Milde,
seine gottverdammte Art und Weise, zu verzeihen und zu helfen –
sogar denen, die Ihn stets verspottet;
seine Heiterkeit, sein utopisches Gehabe,
seine Vorliebe für die, die gar nicht an Ihn glauben,
seine Virtuosität des Geistes überall
und allenthalben, auch sein Harmoniekonzept
bis zur Meinungslosigkeit,
seine unberechenbare Größe und vor allem,
seine Anarchie des Herzens – usw. …
Darum haben wir, die Kirche,
Ihn und seine Güte unter Hausarrest gestellt,
äußerst weit entlegen, dass Er keinen Unsinn macht, und fast kaum zu finden ist.“
Viele Menschen, als sie das hörten, sagten:
„Ist doch gar nicht möglich!
Kirche ohne Gott? Gott ist doch die Kirche!
Ist doch eigentlich gar nicht möglich!
Gott ist doch die Liebe, und die Kirche ist die Macht,
und es heißt, Die Macht ist die Liebe!
Oder geht es nur noch um die Macht?!“
Andere sprachen: „Auch nicht schlecht, nicht schlecht; Kirche ohne Gott!
Warum nicht, Kirche ohne Gott!?
Ist doch gar nichts Neues, gar nichts Neues!
Gott kann sowieso nichts machen. Heute läuft doch alles anders.
Gott ist out, Gott ist out!
War als Werbeträger nicht mehr zu gebrauchen.“
Und: „Die Kirche hat zur rechten Zeit das Steuer rumgeworfen.“
„Kirche ohne Gott!“, das ist der Slogan.
Doch den größten Teil der Menschen
sah man hin und her durch alle Kontinente ziehn,
und die Menschen sagten:
Gott sei Dank! Endlich ist Er frei.
Kommt, wir suchen Ihn! …“
(Aus: Das Schwere leicht gesagt, tvd-Verlag, Düsseldorf 1991/1997 )
Wikipedia: Hanns Dieter Hüsch (* 6. Mai 1925 in Moers;  6. Dezember 2005 in Windeck-Werfen) war ein deutscher Kabarettist, Schriftsteller, Kinderbuchautor, Schauspieler, Liedermacher und Rundfunkmoderator. Mit über 53 Jahren auf deutschsprachigen Kabarettbühnen und 70 eigenen Programmen galt er als einer der produktivsten sowie erfolgreichsten Vertreter des literarischen Kabaretts im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Er war ab 1999 Schirmherr des Kabarettpreises „Das Schwarze Schaf“.
Wer war dieser 2005 verstorbene Mann?
Ja, richtig, viele von Euch wissen es schon: Hanns Dieter Hüsch
Hüsch lädt uns mit diesem Gedicht ein, uns, die so oft verbitterte, ängstliche, planende und verplanende Kirche, Gott zu suchen: Er will in seinem Schalk und Humor sagen:
Gott versteckt sich, Er will immer wieder neu gesucht und entdeckt werden, in wechselnden Gestalten und Herausforderungen. So hat es auch Martin Luther in seiner Lehre vom „Deus absconditus“, dem „verborgenen Gott“ gesagt.
Das Bild Deus absconditus“ bezeichnet die nach menschlichem Vorstellungsvermögen prinzipielle Unerkennbarkeit Gottes und stammt aus Jesaja 45,15. Diese Konzeption war insbesondere für das Denken von Nikolaus von Kues, Johannes Calvin und Martin Luther von großer Bedeutung. Martin Luther entfaltete seine Ansichten zum Deus absconditus in seiner lateinisch abgefassten Schrift „De servo arbitrio“ aus dem Jahre 1525. Den Gedanken hatte er aber bereits in seinen ersten Psalmenvorlesungen und in der Vorlesung über den Römerbrief zehn Jahre zuvor angedeutet.
Gott lässt sich nicht instrumentalisieren, Er überrascht uns immer wieder neu. Und: Gott ist anders, als wir es oft meinen. Hüsch erlebt und beschreibt – ich wiederhole, weil es schön klingt: „[Gottes] Leichtigkeit und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld. Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, … seine Heiterkeit, sein utopisches Gehabe, seine Vorliebe für die, die gar nicht an Ihn glauben, seine Virtuosität des Geistes überall …, seine unberechenbare Größe und vor allem, seine Anarchie des Herzens – usw. …“
Und mit Augenzwinkern schaut Hüsch die Kirchenoberen an, wenn er sie sagen lässt: „Darum haben wir, die Kirche, Ihn und seine Güte unter Hausarrest gestellt.“
Liebe Gemeinde, immer mehr stellt sich mir die Frage zur Situation in unserer Kirche, die doch unsere Kirche ist, der „Leib Christi zum Anfassen“, immer wieder stellt sich mir die Frage:
Wo bleibt die Freude? Warum können sich so viele Mitchristen, Schwestern und Brüder im Glauben, Hoffen und Lieben, nicht freuen?
Warum kann sich z. B. die Leitung der fusionierten Gemeinde St. Petri-St. Marien in Berlin-Mitte nicht freuen, dass es Menschen gibt, die möglichst oft und auch am vertrauten Ort mit ehrenamtlichen Pfarrern Gottesdienste feiern wollen?
Warum können oder wollen sich die Kirchenleitung und das Konsistorium nicht von Herzen freuen, dass es den Gemeindebund gibt?
Warum können sich Landeskirchenämter nicht freuen, dass es so viel Bereitschaft zu ehrenamtlicher Arbeit gibt?
Ein Beispiel, mal nicht aus der „Freien Heide“, mal nicht aus Wittstock-Ruppin, sondern aus der Hannoverschen Landeskirche, aus der ich stamme:
In dem Dorf, indem ich geboren, getauft und konfirmiert wurde, soll die Kirchentür neu gestrichen werden. Ein Maler will das ehrenamtlich tun; doch bevor es dazu kommt, wird ein Gutachter bestellt und dem Maler untersagt, dies zu tun: Schließlich entscheiden Gutachter, die ein Honorar von einigen hundert Euro bekommen und das Landeskirchenamt, dass eine Spezialfirma für rund 6.000 (sechstausend!) Euro diese einfache Kirchentür anmalen soll.
6.000 Euro – Die Leute im Dorf mit 900 Einwohnern sind erregt und immer mehr verärgert und sehen nicht ein, wofür sie weiter Geld sammeln sollen.
ansteckende Freude
Freude wirkt ansteckend, Freude begeistert, Freude aktiviert ungeahnte Kräfte und Ideen, nicht Angst oder Sorge, Konkurrenzdruck, Besserwisserei oder Druck von oben.
Gehilfe der Freude sollen wir sein, sagt Paulus. Er spricht auf griechisch von den „synergoi“, den „Mitarbeitern“, die wissen, warum sie mitmachen. Da gibt es „Synergie-Effekte“, wie das moderne Schlagwort heute heißt, mit anderen Worten: Wenn möglichst viele oder gar alle am selben Strick in die gleiche Richtung ziehen, dann bewegt sich was, dann tut sich etwas in der Kirche, dann bricht neues Leben aus der Erde, dann werden Kirchen renoviert, dann nehmen Gemeinden die Aufgaben in die Hand, ohne zu rechten oder zu rechnen.
Eine Schlüsselszene für das, worauf es in punkto Freude im Glauben und Leben ankommt, ist für mich das Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn, genauer von den zwei verlorenen Söhnen in Lukas 15. Sie kennen wohl alle diese Parabel:
Da sagt der ältere Sohn zu seinem Vater, als er von weitem sieht, wie sein heimgekehrter jüngerer Bruder Mittelpunkt eines Festes ist, auf die Bitte seines Vaters, sich doch auch zu freuen und mitzufeiern (Lukas 15):
29 Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
31 Der Vater aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein.
32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.
Liebe Gemeinde, man sieht ihn hier fast knien, den Vater, vor seinem älteren Sohn, man hört den Vater händeringend seinen rechthaberischen neidischen Sohn anflehen und bitten: Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; …
Mit anderen Worten: Der Vater zwingt nicht, er droht nicht, er verdonnert nicht, er lädt vielmehr ein, er bittet mit den eindringlichsten Worten der Mitmenschlichkeit, die man sich ausdenken kann: Ein Wunder ist geschehen: dein Bruder war tot, eine ganz krasse Übertreibung, aber so hat der Vater in seiner Sorge sich das schon ausgemalt, weil der Jüngere ja nicht wieder kam und kein Lebenszeichen von ihm da war, und dann stellt er drei Begriffe dem gegenüber:
Er ist wieder lebendig,
er war verloren
und ist wieder gefunden.
Und Du, mein großer Sohn: Warum, warum kannst Du dich nicht mitfreuen; du hast doch alles, was du haben willst, du wirst doch von mir genauso geliebt und geehrt wie dein Bruder, du bist doch der erste, du bist der Erbe, daran wird nicht gerüttelt. Und warum willst, warum kannst Du nicht mitfeiern?
Wenn wir alle Gottes geliebte Kinder sind, warum können wir nicht so miteinander umgehen, wie Gott mit uns handelt? Warum richten und verdammen wir die anderen? Warum sind wir neidisch, hart gegen uns selbst und unsere Nächsten? Warum können wir nicht verzeihen und einfach das Leben genießen, das doch so kurz ist? Warum machen wir uns das alles so schwer? Warum, warum?
Die Antwort müssen wir selbst Gott geben, und nicht nur unseren Nächsten: Aber wir sollten auch etwas dafür tun, dass wir von Gott so reden und Ihn so verkündigen, wie Er von Jesus uns verkündigt wird:
Wenn man mal im Internet sucht und schaut, mit welchen Themen das Wort „Theologie“, also die „Lehre von Gott“, im deutschsprachigen Netz verknüpft ist, dann sind es folgende Begriffe in der Reihenfolge ihrer Nennungen und Aufrufe:
Theologie …
1. der Religionen
2. der Arbeit
3. der Zukunft
4. der Gegenwart
5. des Alten Testaments
6. der Ordnung
7. der Freiheit
8. des Paulus
9. der Hoffnung
10. des Neuen Testaments
11. des Kreuzes
Vergeblich sucht man eine „Theologie der Freude“, obwohl es immer wieder Menschen gab, die das versucht haben und gefordert haben: So zum Beispiel der Theologe Bernhard Steffen (in seinem Buch „Das Dogma vom Kreuz“, zitiert bei Michael Korthaus, Kreuzestheologie, Tübingen 2007, S. 60 ff) im Jahre 1920, kurz bevor die Dialektische Theologie Karl Barths dann die jungen Theologen begeisterte: Es lohnt sich, dies nachzulesen.
Neben dem Blick in die Bibel unter dem Stichwort „Freude“, wo einem dutzende von bekannten Passagen auffallen, lohnt sich auch ein Blick ins EG, unser Gesangbuch, Ostverbund 1993: Es ist viel mehr, als wir ahnen, ein Buch der Freude:
Zahl der Wortnennungen
Freude 127 × dagegen:
freuen 23 ×
fröhlich 101 ×
jauchzen 18 ×
Summe  269 ×
Tod 264 ×
Not 190 ×
Sünde 104 ×
Angst 92 ×
Leid 65 ×
Satan bzw. Teufel 13+37 = 50 ×
Sorge /sorgen 45 ×
Streit 26 ×
Furcht 24 ×
Trauer 6 ×
Gram 2 ×
Ärger 0 ×
Die Überraschung: Es gibt keinen „Ärger“ im Gesangbuch!!
Liebe Gemeinde und Freunde, ich hätte nicht gedacht, dass das Gesangbuch noch mehr als die Bibel ein Buch der Freude ist …
Zum Ende meiner Predigt muss ich dann auch noch an einen hessischen Pfarrer denken, der in aller Kürze eine „Theologie der Freude“ im Dialog entwickelt hat: Pfarrer Werner Heidelbach aus Waldkappel in Hessen beschreibt, wie er zu Besuch in Indien war und bei einer Zugfahrt drei Hindus gegenüber sitzt, die noch nie einem Christen begegnet waren und mit denen er in ein Gespräch über den christlichen Glauben gerät:
„… Einer dieser Drei, die zum ersten Mal im Leben mit leibhaftigen Christen zu tun hatten, richtete das Wort an mich und bat mich, mal mit einem einzigen Satz zu umreißen, was denn der Kern des christlichen Glaubens sei. Und das war im Nachhinein, als zöge einer den Korken aus einer guten Flasche Wein, die schon lange darauf wartete, endlich angebrochen zu werden.
fröhliche Inder
"copyleft" Name Joe Zachs, 2006
Um auf die Frage meines Gegenübers nach dem Kern meines Glaubens eine vernünftige Antwort geben zu können, musste ich seltsamerweise gar nicht lange nachdenken. Stattdessen hörte ich mich unmittelbar darauf nur ein einziges Wort sagen: „Joy!“ „Freude“, das sei für mich der Kern des Evangeliums. Dann musste ich natürlich erklären, dass Evangelium „freudige Nachricht“ oder „frohe Botschaft“ heißt, und schon war ich bei den Engeln aus der Weihnachtsgeschichte und der Freude, die allem Volke widerfahren ist. Ich muss richtig gesprudelt haben, bei dieser Theologie der Freude, die ich da aus dem hohlen Bauch heraus von mir gegeben habe. Meine Gesprächspartner hatten irgendwie ganz andere Vorstellungen von den Christen und ihrer Lehre: Dass bei uns die Sünde ein zentrales Thema sei, das hatten sie gehört, und deshalb hatten sie angenommen, wir Christen wären ein todernster Verein. Aber das sei nur die halbe Wahrheit, über die Sünde zu reden, klärte ich sie auf – wenn nicht auch die Freude der Sündenvergebung zur Sprache gebracht wird!
Jesus hat das eine getan und das andere nicht gelassen. Denken wir nur an seine Gleichnisse vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn. Da geht’s durchaus um den rechten Pfad, den das verlorene Schaf verlassen hat, oder um das Lotterleben, das den verlorenen Sohn ins Unglück gestürzt hat, aber nach der Wende geht es in jedem der drei Gleichnisse um die Freude: … Und in der Rahmenerzählung, dem Gespräch, das Jesus mit Schriftgelehrten und Pharisäern führt, sagt Jesus den tollen Satz von der Freude, die im Himmel herrscht, wenn einer, der Gott den Rücken gekehrt hatte und in Sünde, in Absonderung lebte, sich neu Gott zuwendet und zurückkehrt dorthin, wo das Leben ist, wo die Freude wohnt, die nichts lieber macht als sich mit anderen zu teilen.“
Werner Heidelbach erinnert dann auch noch an die Gestalt und Botschaft Jesu, wie sie uns im Johannesevangelium verkündigt wird:
„Im Johannesevangelium ist das allererste Zeichen, das Jesus tut, die Verwandlung von Wasser zu Wein bei der Hochzeit zu Kana. Das ist eine ganze Symphonie von Symbolen, die da zum Klingen kommt: Wein und Obst Die Hochzeit steht für das Leben, wie es eigentlich sein könnte. Da sind alle gut gelaunt, alle freuen sich. Dieses Bild von Hochzeit ist uns allen vertraut. Dann aber geht irgendetwas schief. Das kennen wir auch. Hier fehlt plötzlich der Wein. Der Wein steht für ausgelassene Fröhlichkeit. Ist er alle, ist das Fest vorbei, … Dann sorgt plötzlich Jesus dafür, dass das Fest von neuem beginnen kann – und mit besserem Wein als zuvor, d. h. ohne Bild gesprochen: mit einer Freude, die noch größere Tiefe hat als nur ausgelassen zu feiern:
Der Evangelist Johannes deutet hier bereits an, was die andern Evangelisten dann in Brot und Wein bei Jesu letztem Abendmahl verdichten: Der hier dafür sorgt, dass das Fest weitergehen kann, sorgt mit seinem Leben und Sterben dafür, dass auch für mich das Fest weitergehen kann: Ich muss nicht aufstehen und mein Glas umschütten, nur weil mir plötzlich klar wird in einem hellen Moment, dass ich eines Tages sterben werde. Nein, ich kann gelassen und heiter sitzen bleiben im Kreise all derer, denen es früher oder später genauso gehen wird wie mir. Und wenn die Stunde kommt, dass ich keinen Schluck mehr trinken, keinen Bissen mehr runterkriegen und keinen Atemzug mehr tun kann, dann reicht mir der Auferstandene als der Lebendige, der Er seit Ewigkeiten ist, die Hand und löst sein Versprechen ein, das Er seinen Freunden beim Abschied gegeben hat: In dieser Welt trinke ich mit Euch nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks, aber dort, wohin ich Euch vorausgehe, dort schenke ich Euch voll ein.“
Soweit das Zitat
Wenn man so will, ist dies beim Evangelisten Johannes nicht nur eine Theologie der ewigen Freude, sondern eine echte, gute, wertvolle „Küchen-Theologie“, eine Rede und Lehre von der Liebe Gottes, die das Leibliche und Sinnliche ganzheitlich umschließt und einschließt, denn auch die Liebe Gottes, der Mensch geworden ist in Jesus Christus, „geht durch den Magen“. Von diesem Jesus wissen wir durch Lukas, dass Er sich gern zum Essen einladen lässt von Zachäus, bei Maria und Martha, und bei Simon dem Pharisäer. (Lukas 7,36 ff.)
Kurz vorher zitiert bei Lukas Jesus das Gerede der Pharisäer über Ihn selbst, als Er dem Volk sagt (Lukas 7): 34 Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagt ihr: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!
Die Liebe Gottes, die Freude über die Heimkehr und Rettung des Sünders und das Licht der Auferstehung drängen zum Feiern, zum gemeinsame Mahl, da riecht es knusprig nach Fisch und Brot am See Genezareth auch nach der Auferstehung, da wird die Küche nicht verachtet, sondern geheiligt, da geht es köstlich und schmackhaft zu bei Johannes, und unausgesprochen wird bei dem vierten Evangelisten vorausgesetzt, dass der auferstandene Herr selbst den Kohlen-Grill vorbereitet hat am Strand des Sees Genezareth (Johannes 21):
8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, …
9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.
10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!
11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. …
12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! …
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.
Und mit diesem nachösterlichen Bild kehre ich zurück zu den Sterbenden, zu den Menschen im Hospiz, zu unserer Kirche und zu uns: Jesus lädt uns ein zur leibhaftigen Freude, zum Feiern, zum Lachen und Fröhlichsein, zu einem Leben aus der Güte und Freundlichkeit Gottes, die ausstrahlt in alle Ewigkeit.
Und so frage ich uns selbst, frage ich alle Mitchristen, die oft so deprimiert, resigniert und „burned out“ sind (gerade viele junge Pfarrerinnen und Pfarrer auf dem Lande!), so frage ich Euch Schwestern und Brüder in Fretzdorf, im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, und in der Georgenkirchstraße in Friedrichshain:
Warum können wir uns nicht freuen, wenn Gott in Christus alles für uns getan hat, dass wir als geliebte und befreite Kinder sein Lob verkündigen und so miteinander leben und umgehen, dass andere angelockt werden und dazu kommen möchten?
Warum können wir uns nicht freuen, wenn uns Jesus die Sorgen und Ängste nimmt, auch die Ängste vor einer kleiner werdenden Kirche der Zukunft?
Dürfen wir uns nicht freuen, dass uns die frohe Botschaft anvertraut ist als größter Schatz der Welt, und wir in allen Krisen, in Leid und Not „frisch, fromm, fröhlich und frei“ bekennen können: „In dir ist Freude in allem Leide!“
Das Lied wollen wir jetzt miteinander singen Lautsprecher und uns dazu von den Plätzen erheben, denn „im Stehen schläft man – nicht …“
Amen.
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