GEMEINDEBUND
Inhalt
Das Wort
Sorgen
2. Tim 2,19
Wo ist Kirche?
Kirche und Gemeinde
Was ist Gemeinde?
Apg 1,10-11
Aufbruch
Gemeinde
David und Goliath
Vergebung
Fehler
Die Taufe
Aufbruch Gemeinde
am Scheideweg
Pfr. Heinrich Vogel
Gemeindekirche
Hauptproblem
Freude
Kirche ist Gemeinde
Ortsgemeinde
Pflügen
Wormser Wort
Kritik & Plädoyer
In der Volkskirche die Gemeindekirche bauen – Rolf Fersterra, Mudersbach, überarbeitet im März 2009
Wie kann die evangelische Kirche ihre Krise überwinden? Um die Kirche zukunftsfähig zu machen, empfiehlt das Impulspapier Kirche der Freiheit (= KdF) einen tief greifenden Umbau der evangelischen Kirche.
Im Visier der Kritik der Verfasser ist dabei vor allem das Parochialsystem. Diese Struktur und die Ortsgemeinde als solche werden von KdF vor allem für die gegenwärtige Krise verantwortlich gemacht.
Das Papier empfiehlt daher, das Parochialsystem grundsätzlich zu verändern. Auf Seite 37–39 erläutert das Papier die „drei gewichtigen Verschiebungen“, die nötig seien, um die kirchliche Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Alle drei Verschiebungen zielen weg von der Ortsgemeinde hin zu übergemeindlichen Formen des kirchlichen Wirkens.
Die erste Verschiebung zielt auf die Stärkung „ergänzender Gemeindeformen“ sowie besonderer Angebote der Kirche in Bildung, Kultur und Medien, die den Status von Gemeinden erhalten sollen.
Durch eine zweite Verschiebung sollen die Region und der Kirchenkreis zunehmend Aufgaben der Ortsgemeinden übernehmen (38).
Die dritte Verschiebung impliziert die Loslösung des Gedankens der Kirchenmitgliedschaft von der konkreten Gemeinde. Eine allgemeine Kirchenzugehörigkeit ohne Gemeindebezug wird ausdrücklich bejaht und soll „inhaltlich gefüllt und gefördert“ werden. (39)
Alle drei Verschiebungen führen weg von der Ortsgemeinde, die bisher das „Hauptangebot“ der Ev. Kirche war, hin zu übergemeindlichen Angeboten. Das Ergebnis ist eine im Grundsatz veränderte Kirche. Evangelische Kirche baut sich – bis heute – strukturell „von unten“ auf. Die Ortsgemeinde bzw. die Gemeinschaft aller Ortsgemeinden trägt alle Dienste und Funktionen der Kirche, die ihr subsidiär zugeordnet sind. KdF zielt dagegen auf eine Kirche, die vom gesamtkirchlichen Auftrag ausgeht, also „von oben“ her gedacht, strukturiert und zunehmend auch gelenkt werden soll. Dadurch wird die Ortsgemeinde selbst zu einem funktionalen Angebot der Gesamtkirche neben anderen.
Kritik
Dieses neue Kirchenbild wird zum Leitbild für die als notwendig erachteten Veränderungen und bestimmt das ganze Impulspapier. Deswegen ist es zu prüfen, bevor die vielen Einzelvorschläge bewertet werden können. Dabei ergeben sich teilweise sehr grundsätzliche Anfragen an das Papier:
KdF möchte die übergemeindlichen Formen kirchlicher Arbeit ressourcenmäßig stärken.
Folgende Fragen müssen aber erlaubt sein: Wird die Bindekraft der übergemeindlichen Formen realistisch eingeschätzt? Einige von ihnen zielen nach ihrem Selbstverständnis, „Kirche für andere“ zu sein, gar nicht auf eine Bindung an die evangelischen Kirche. Sie fördern dagegen wesensmäßig eher eine lose, punktuelle Berührung und Inanspruchnahme der Kirche. Die Frage darf wohl gestellt werden, ob von solch einer „Kirche bei Gelegenheit“ (Michael Nüchtern) tatsächlich ein Weg zu verlässlichen kirchlichen Strukturen führt, die KdF doch erreichen will.
Was auch kritisch zum Zustand des Parochialsystems zu sagen ist – bis heute sind hier eindeutig die meisten Mitglieder gebunden. Kirchenkreise wie der Kirchenkreis Siegen mit einer noch weitgehend intakten Struktur von Ortsgemeinden dürften die Basis sein, die bis heute den Zusammenbruch der Kirche verhindern. Der Erweis der langfristigen Binde- und Tragkraftkraft der übergemeindlichen Dienste steht dagegen aus.
Wenn eine „allgemeine Kirchenmitgliedschaft“ (38f) in Distanz zur konkreten Gemeinde zum Leitbild der Kirchengliedschaft wird, wer trägt die Kirche in Zukunft dann ideell und durch sein Engagement? Die Gemeindekirche bildet die innere Substanz unserer Kirche. Die weitaus meisten kirchlich Aktiven entstammen sicher dem engeren Kreis der „Gemeindekirche“. Wer gibt der Kirche das auch von KdF geforderte evangelische Profil, wenn nicht die Menschen, die sich regelmäßig um Predigt und Sakrament versammeln?
Vor einer Überschätzung der von KdF protegierten Mitgliedschaftsform hat Michael Herbst gewarnt: Nach Herbst habe die Erfahrung der DDR-Kirche gezeigt, „dass eine typisch protestantische, positivdistanzierte Kirchenmitgliedschaft unter Druck nicht standhielt und eine reine Kasualchristlichkeit rasch die alternativen Angebote der Jugendweihe und der weltlichen Beerdigung für mindestens ebenso plausibel hielt.“ Herbst fordert deshalb: „Wir sollten uns darum endlich von der Illusion verabschieden, Kirchenmitgliedschaft in freundlicher Distanz sei auf Dauer eine tragfähige, gleichberechtigte christliche Existenzweise. Unser Ziel muss es vielmehr sein, dass Menschen die Rolle als Kunden aufgeben.“ Genau diese Kundenrolle wird durch die Vorschläge von KdF noch verstärkt!
Außerdem muss die Frage gestellt werden, ob in dem EKD-Konzept die spezifische Eigenart der postmodernen Religiosität richtig gedeutet wird. Alle einschlägigen Untersuchungen der letzten Jahre zu diesem Thema beschreiben die gegenwärtig dominierende Religiosität als eine Religion ohne Kirche und die allgemein verbreitete Distanz zu den Großinstitutionen ist vielfältig belegt. Warum soll dann eine Bindung an die „evangelische Kirche als solcher“ (KdF 38) eine solche Kraft haben, wie die Verfasser scheinbar annehmen?
Vom System parochialer Versorgung zur Gemeindekirche
Bei aller Kritik an den Reformvorschlägen des Impulspapiers ist der Analyse der Verfasser doch in einem entscheidenden Punkt zuzustimmen: Die gegenwärtige Kirchenstruktur, die auf dem Prinzip der flächendeckenden parochialen Versorgung beruht, befindet sich in einer Krise. An dieser Stelle ist offen von der Schwäche vieler Ortsgemeinden zu reden. Als Symptome sind zu nennen:
die Entleerung der Gottesdienste
sie sind entgegen dem theologischen Anspruch vielerorts längst nicht mehr Zentrum der Ortsgemeinden;
das Schrumpfen der Kerngemeinden, also ihre abnehmende Kraft zur „Beheimatung“;
der zunehmende Verlust an gesellschaftswirksamen Funktionen (Diakonie, Trägerschaften von Kitas etc.);
die Unfähigkeit, Menschen für das Leitungsamt zu gewinnen;
das fehlende Solidarisierungspotential in Finanz- und sonstigen Krisen (ganz im Gegensatz zum Potential der Freikirchen).
In manchen Regionen hat sich die ortsgemeindliche Grundstruktur bereits zur Unkenntlichkeit verflüchtigt. Es ist zu befürchten, dass bei gleichbleibenden Bedingungen diese Entwicklung auch die jetzt noch weitgehend intakten Regionen erfassen könnte.
Die Verfasser von KdF leiten von solchen Beobachtungen ihre konzeptionelle Zurückstufung der Ortsgemeinden ab. Sie haben den Glauben an diese Form des kirchlichen Wirkens offenbar verloren.
So versäumen sie es, die Ursachen für die beobachtete Wirkung genau zu erheben. Die Frage ist doch, ob wirklich der Leitgedanke der „Kirche vor Ort“ falsch ist oder ob die Ortsgemeinden nicht aufgrund struktureller Fehlsteuerungen in der Vergangenheit an so vielen Orten ihre Kraft verloren haben.
Eine Bemerkung des Kirchenhistorikers Klaus Scholder lässt erkennen, dass die Entmündigung der Gemeinden ein Geburtsfehler der deutschen evangelischen Kirche ist, der auf ihre grundsätzliche verfassungsgemäße Neubestimmung nach 1918 zurückgeht:
„Wie sehr die Verfassungsväter jeweils auch bemüht gewesen waren, in den Verfassungen volkskirchliche Ideale zu verwirklichen und dem Kirchenvolk eine weitgehende, rechtlich gesicherte Mitwirkung in der Kirche zu garantieren, so waren es faktisch in allen Landeskirchen dann doch nur eine Handvoll Juristen und Theologen, die sich in den Verfassungen auskannten und die Dinge entschieden. … Die rechtlich auf die Mitwirkung aller Kirchenglieder angelegten Verfassungen bedeuteten praktisch ihren weitgehenden Ausschluss.[1] Ihre enge Verflochtenheit mit dem Staat als Körperschaft des öffentlichen Rechts und das Fortleben zahlreicher quasi staatlicher Strukturen haben den Aufbau und das Recht der Kirche kompliziert gemacht und sie einer effektiven Mitgestaltung und Einflussnahme durch die Basis entzogen.
Dieses nunmehr über Jahrzehnte verankerte System hat die Amts- und Betreuungskirche immer mehr im Bewusstsein verankert und die Ortsgemeinden daran gehindert, zur mündigen Basis unserer Kirche zu werden. In der gegenwärtigen Strukturkrise wird der Spielraum für eigenverantwortliches Handeln für die Presbyterien noch enger. Weitgehend reagiert man hier lediglich auf die „oben“ verhängten Strukturentscheidungen (Fusionen, pfarramtliche Zusammenlegungen etc.) und vollzieht diese ohne Überzeugung nach. Diese Entmündigung bestärkt einen Abwärtstrend, weil man den Glauben an die eigene Gestaltungskraft verloren hat.
Unsere evangelische Kirche muss also umgebaut werden – da haben die Verfasser von KdF völlig recht. Dabei hat die „Gemeinde vor Ort“ ihre Zukunft allerdings noch vor sich!
Das Konzept der Gemeindekirche ist in der evangelischen Kirche in Umbruchszeiten als Alternative immer im Gespräch gewesen. Vor allem 1918 nach dem Ende des Sumepiskopats wurden ihre Leitgedanken entwickelt. Wortführer war damals der liberale Theologe Martin Rade. Forum der gemeindekirchlichen Bestrebungen war die von ihm herausgegebene Zeitung Die christliche Welt. Hier wurde das Projekt verfolgt, aus der Obrigkeitskirche mit landesherrlichem Kirchenregiment und bürokratischer Kirchenleitung eine „Volkskirche“ im ursprünglichen, von Schleiermacher geprägten Sinn einer gemeindlich-bruderschaftlichen Kirchenverfassung – heute würde man sagen: einer Kirche „von unten“ – zu schaffen. „Jetzt oder nie“, so schrieb Rade in einem Aufruf vom 28.11.1918 „mag die Pastorenkirche der Laienkirche, die Konsistorialkirche der Gemeindekirche weichen.“
Im Umfeld der Christlichen Welt sind damals die Grundprinzipien der Gemeindekirche entfaltet worden:
Aufbau der Kirche von mündigen Gemeinden aus
eine konsequent durchgeführte Lösung vom Staat und staatlichen Strukturvorgaben
die Gestaltung der Kirche ausschließlich nach kirchlichen Prinzipien
die konsequente Freiwilligkeit und Zwanglosigkeit der Mitgliedschaft
Doch weder damals noch nach 1945 war die gesellschaftliche und religiöse Lage reif zur Umsetzung dieser Gedanken. Zu stark war das obrigkeitskirchliche Denken verwurzelt, zu stark der Gedanke des Evangelischen mit dem des Nationalen verbunden. Unsere heutige staatsnahe Volkskirchenstruktur hat letztlich in diesem Denken ihren Hintergrund. Erst die letzten Jahrzehnte haben ein Umfeld geschaffen, das die Gemeindekirche als eine mögliche und überzeugende Gestalt unserer Volkskirche erscheinen lässt. Wenn es je die Chance gab, eine „Freie evangelische Volkskirche“ zu gestalten – um den Leitbegriff in der Christlichen Welt zu benutzen – dann jetzt.
Die Aufgabe der Stunde ist es nicht, die Volkskirche kurzerhand über Bord zu werfen, sondern den Gedanken der Volkskirche mit dem Gedanken der Freiwilligkeit und der Beteiligung konzeptionell neu zu verbinden.
Das Leitbild der mündigen Gemeinde als Basis des gesamten Kirchenaufbaus muss die Zielvorstellung für die Transformation sein, die vor uns liegt. Evangelische Kirche war bis jetzt „einfach da“, gestützt durch die historisch gewachsene enge Verbundenheit mit dem Staat, materiell gut abgesichert durch das Kirchensteuersystem. Diese Zeiten sind nun vorbei. Kirche wird in Zukunft darauf angewiesen sein, dass möglichst viele Menschen in den Satz „Wir sind die Kirche“ einstimmen und bereit sind, Verantwortung für ihre Kirche zu übernehmen. Die Gemeindekirche, die schon immer in der Volkskirche gelebt und ihre innere Substanz gebildet hat, muss wachsen. Aus Kirchenmitglieder müssen Gemeindeglieder werden. Die Versorgungskirche muss zur Beteiligungskirche, die Amtskirche zur Gemeindekirche transformiert werden.
Im Folgenden sollen einige Grundlinien dieses Gemeindeverständnisses genannt werden, die an Schrift und Tradition orientiert sind:
1. „Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ So wenig CA VII ausreicht, um die Kirche als Sozialgestalt zu begründen, so sehr hält dieser Bekenntnissatz doch bleibend fest, dass im Zentrum jeder evangelischen Gemeinde der Gottesdienst steht. Die Kirche erhält ihre Bestimmungen und ihr Profil letztlich nicht von gesellschaftlichen, religionsgeschichtlichen oder sonstigen Ableitungen, sondern als „Kirche unter dem Wort“. Deswegen ist der regelmäßige wöchentliche Gottesdienst das Zentrum jeder evangelischen Gemeinde.
2. Nach dem Neuen Testament und der Erkenntnis der Reformation zielt das Evangelium auf die persönliche Aneignung des Glaubens. Diesem Glaubensverständnis entspricht eine frei gewählte und bewusst angenommene Gliedschaft am Leib Christi und damit in einer konkreten Gemeinde. Baut die evangelische Kirche weiter wie bisher auf eine niederschwellige, unbewusste Mitgliedschaft, wird sie niemals auf den Boden verlässlicher Strukturen kommen, die auch in Zeiten der Krise Bestand haben!
„Deshalb scheint mir die Umwandlung der bisherigen stillschweigenden, sozusagen naturhaften Mitgliedschaft in eine persönlich bekundete nicht weg von der Volkskirche, sondern gerade zu ihr hin [zu führen], und ich kann in dem Bemühen, die bisherige Form der Mitgliedschaftsbegründung aufrechtzuerhalten, nur eine Rückständigkeit erkennen.“ Diese Worte stammen nicht von mir, sondern von dem Frankfurter Theologen Erich Foerster in der Christlichen Welt[2]. Unverzichtbarer Zielpunkt kirchlicher Arbeit muss daher nicht eine allgemeine, sondern die bewusst gewählte, verbindliche und dauerhaft erklärte Mitgliedschaft sein.
3. Beheimatungsorte einer bewusst angenommenen Gliedschaft sind Personengemeinden. Kirche ist „Gemeinde von [Schwestern und] Brüdern“ (Barmen III). Nur hier ist eine geistige und geistliche „Beheimatung“ möglich, die diesen Namen verdient und nicht bloß ein diffuses und höchst ambivalentes Gefühl der Zugehörigkeit darstellt. Isolde Karle: „Die Kirche lebt als Leib Christi zentral von den vielen überschaubaren personalen Gemeinschaften vor Ort und von der Vertrautheit von Gesichtern und Räumen, die nachgewiesenermaßen die Bindung an die Kirche am nachhaltigsten stärken.“[3]
Dabei gehört zu dem Gedanken der Geschwisterschaft auch der Gedanke der Verbindlichkeit unlösbar dazu.
4. Schon im Neuen Testament ist Gemeinde durch Örtlichkeit geprägt. Der theologische Gedanke zielt auf Kontinuität, die sich auch in einer örtlichen Haftung ausdrückt. Nicht aus theologischen Kriterien ableitbar ist dagegen das flächendeckende Netz von Ortsgemeinden, wie es dem Parochialsystem zugrundeliegt.
5. Der Gedanke einer „Kirche von unten“ muss die faktische Herrschaft der Bürokratien in unserer Kirche endlich überwinden helfen. Während KdF Entscheidungen zentralisieren und nach oben verlagern möchte (28f), sind so viele Entscheidungen wie eben möglich der Gemeindeebene zuzuordnen. Die Finanz-, Personal- und Bauhoheit, sowie die Aufgabe der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gehören in die Hände der gewählten Gemeindevertreter. Dabei dürfen dann aber auch die Folgen von Fehlentscheidungen nicht länger auf eine andere Ebene abgeschoben werden können!
Auf der Ebene der Gemeinden sind übrigens auch im Rahmen einer ökonomischen Betrachtungsweise „marktnahe“ Entscheidungen zu erwarten, während übergeordnete Leitungsstrukturen in Großinstitutionen wie der Kirche naturgemäß einen Hang zur Bürokratisierung und Formalisierung haben. Wie jeder weiß, der in unserer Kirche nur einige Jahre Verantwortung trägt, sind unsere Landeskirchenämter oder das EKD-Kirchenamt in Hannover eben nicht die effektiven und unbürokratischen Leitungszentren, als die sie KdF erscheinen lässt.
6. Um echte Beteiligung zu fördern und zu verankern, muss auch die bisherige Finanzierungsstruktur unserer Kirche verändert werden. Es zeigt die Wirklichkeitsverweigerung der Verfasser von KdF, dass sie die Kirchensteuer uneingeschränkt als „gute und verlässliche Finanzierungsbasis der Kirchen“ (22) preisen, obwohl alle einschlägigen Untersuchungen den miserablen Ruf dieses Systems immer neu belegen. Die Kirchensteuer, in jedem Falle aber die gegenwärtige Form ihres Einzugs, fördert die unbewusste, unverbindliche Mitgliedschaft der Mehrheit der Kirchenmitglieder. Sie fördert ein „Systemvertrauen“ und untergräbt langfristig das „Personenvertrauen“, wie im Anschluss an Niklas Luhmann gezeigt wurde. Eine Folge dieser Finanzstruktur ist die Entsolidarisierung gegenüber der eigenen Gemeinde und der Kirche. Das Beispiel der Freikirchen zeigt, dass die direkte Art der Mitfinanzierung der eigenen Gemeinden viel mehr Beteiligung schafft. Deswegen sind alle Formen gemeindenaher Kirchenfinanzierung systematisch zu fördern. Das bestehende Ortskirchensteuersystem ist endlich seinem Geist nach mit Leben zu füllen.
7. Um ein Netz lebensfähiger Gemeinden zu schaffen, müssen Gemeinden sich prinzipiell selbst tragen können. Das ist die unverzichtbare Kehrseite der Mündigkeit. „Ohne wirtschaftliche Selbstständigkeit gibt es überhaupt keine Selbstständigkeit“ hat wiederum Erich Foerster schon 1919 den Gemeinden ins Stammbuch geschrieben[4]. Ein unverzichtbarer Gedanke bleibt ein Finanzausgleich, der strukturelle Schwächen einzelner Gemeinden oder Regionen ausgleicht.
8. Auch die Gemeindekirche der Zukunft braucht die synodale Gemeinschaft der Kirche, um einen angemessenen Finanzausgleich, eine notwendige Kirchenaufsicht, die gesellschaftspolitische Verantwortung der Kirche und vieles andere zu organisieren. Unumgänglich ist allerdings die Rückkehr zur konsequenten Anwendung des Subsidiaritätsprinzips.
9. Für die professionelle Wahrnehmung zentraler Hauptaufgaben benötigt auch die Gemeindekirche funktionale Dienste. Diese sind nicht selber Gemeinde, nehmen aber Aufgaben der Gemeinden stellvertretend für sie wahr. Der Gedanke der Trägerschaft der Gemeinden muss allerdings in seiner ursprünglichen Bedeutung neu verwirklicht werden. Im Laufe der fälligen Neustrukturierung müssen Gemeinden entscheiden, welche Dienste sie auf übergemeindlicher Ebene vorhalten und dann auch in kritischen Situationen aufrecht erhalten wollen.
Auf der Grundlage dieser Zielvorgaben muss ein lang angelegter Umstrukturierungsprozess begonnen werden, der zu einem Netz lebensfähiger Gemeinden führt. Damit Gemeinden wieder zu Orten der Hauptverantwortung für die Kirche werden, muss es dann tatsächlich erst zu einem „Mentalitäts- und Paradigmenwechsel“ in unserer Kirche kommen, der allerdings wesentlich tiefer greifen muss, als der von KdF geforderte. Die Betreuungsmentalität ist fast archetypisch verwurzelt. Deshalb muss der Gedanke der Selbstverantwortlichkeit erst langsam vermittelt werden.
Der erforderliche Mentalitätswechsel kann durch behutsame und zielstrebige Schritte vorbereitet werden, die darauf zielen, den freiwilligen und bewussten Charakter der Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche im Bewusstsein zu verankern. Ich möchte einige nennen:
Es ist deutlich, dass die Säuglingstaufe in unserer Kirche die lose Verbindung zur Kirche eher befördert. Daher sollten Eltern, die den Taufaufschub und die Kindersegnung begehren, nicht länger abschätzig behandelt werden. Vielmehr sollte der Taufaufschub als Alternative deutlich vor Augen geführt werden.
Alle Initiativen gemeindegestützter Finanzierung sollten gefördert werden. Insbesondere ist hier das Freiwillige Kirchgeld zu nennen, das den Gedanken einer dauerhaft verbindlichen, aber grundsätzlich freiwilligen Gemeindefinanzierung beinhaltet.
Zu überlegen ist, ob der Konfirmandenunterricht nicht zu einem späteren Zeitpunkt, frühestens bei Erreichen der Religionsmündigkeit anzusetzen ist, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Konfirmanden zu einer echten Verhältnisbestimmung zu Glaube und Kirche in der Lage sind.
Die Praxis der Wiedereintrittsstellen sollte überprüft und konsequent auf die Mitgliedschaft in einer konkreten Gemeinde hin ausgerichtet sein. Zur Zeit folgen diese Stellen in der Mehrheit einem Konzept der Niederschwelligkeit, das keine Verbindlichkeit bewirkt.
Die genannten Punkte sind diskutabel und können ergänzt werden.
Ausblick
In den Kontext der Neubestimmung der evangelischen Kirche nach 1918 gehört auch Dietrich Bonhoeffers Doktorarbeit Sanctorum Communio aus dem Jahr 1927. Bonhoeffers Schrift ist eine Apologie der Volkskirche. Er spricht aus, was auch heute alle Verteidiger der Volkskirche gegen grundsätzliche Reformen ins Feld führen: „Ressentiment und dogmatischer Leichtsinn sollen uns nicht kurzer Hand unsere geschichtliche evangelische Kirche nehmen können.“ (151). Dennoch sieht Bonhoeffer eine Grenze, die er für die Gestaltung der Volkskirche als solcher sieht: „Es gibt nun für die Kirche einen Zeitpunkt, in dem sie nicht mehr Volkskirche sein darf, und dieser Zeitpunkt ist dann gekommen, wenn die Kirche in ihrer volkskirchlichen Art nicht mehr das Mittel sehen kann, zur Freiwilligkeitskirche durchzudringen.“ (150)
Kann ein Zweifel sein, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist, wenn nicht längst überschritten ist? Will unsere Kirche eigentlich bis zum endgültigen Verlust ihrer inneren Substanz warten, bevor sie beginnt, die Volkskirche von der Amts- und Dienstleistungskirche zu einer lebendigen Gemeindekirche umzustrukturieren?
Ich kann mir die Zukunft unserer Kirche nur in einer Rückbesinnung auf diese Vision vorstellen, die sich unmittelbar aus dem Neuen Testament ergibt. Nicht gesetzlich, nicht revolutionär, indem historisch Gewachsenes leichtfertig oder aus dogmatischem Eifer über Bord geworfen wird. Aber durch behutsam aber klar formulierte Zielvorgaben für die Zukunft, die das Gewachsene mit dem vermitteln, was theologisch als Kirche erkennbar ist. „In der Volkskirche die Gemeindekirche bauen“, so würde ich dieses Programm nennen. Ich bin davon überzeugt, dass auf einer biblisch begründeten Vision der Kirche die größte Verheißung für die Zukunft liegt.

[1] Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Band I, 1977, S. 40
[2] Erich Foerster, Christliche Welt, Nr. 33, 1919, Sp. 120
Im Rahmen einer grundsätzlich bewusst angenommenen Mitgliedschaft sind in einer Volkskirche Formen unterschiedlicher Nähe zu ermöglichen. Hier hat dann auch eine „allgemeine Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche“ ihr unbestreitbares Recht! Es gehört zur Stärke der Volkskirche, dass sie auch eine evangelische Identität außerhalb – oder besser: im Umkreis der Gemeinden begründen kann. Nur kann dieser Gedanke eben nicht zum Leitgedanken für die Mitgliedschaft im Rahmen von Überlegungen zur Stabilität der Kirche gemacht werden, wie dies in KdF geschieht.
[3] Isolde Karle, Wittenberger Redebeiträge S. 27
[4] Erich Foerster, a.a.O. Sp. 119
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