GEMEINDEBUND
Inhalt
Das Wort
Sorgen
2. Tim 2,19
Wo ist Kirche?
Kirche und Gemeinde
Was ist Gemeinde?
Apg 1,10-11
Aufbruch
Gemeinde
David und Goliath
Vergebung
Fehler
Die Taufe
Aufbruch Gemeinde
am Scheideweg
Pfr. Heinrich Vogel
Gemeindekirche
Hauptproblem
Freude
Kirche ist Gemeinde
Ortsgemeinde
Pflügen
Wormser Wort
Theologie und Praxis
„Kirche und Gemeinde – ein eigener Entwurf“ von Pfarrer Dr. Christian Löhr, St. Gotthardt, Brandenburg
Grundsätzliches
Die Kirche Jesu Christi dient um Gottes willen den Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass sie ein von der Gesellschaft zu ihren Konditionen einplanbarer Dienstleister ist, der gegen entsprechende Finanzierung religiöse, karitative und die Gesellschaft stabilisierende Bedürfnisse befriedigt. Daher kann sich eine Neuordnung ihrer Strukturen und ihres Dienstes nicht zuerst an Wirtschaftlichkeitskriterien von Unternehmen orientieren.
Auch die affirmative Assistenz im Bereich gesellschaftlicher Aufgaben als Lückenbüßer bei der Wertevermittlung in Schule und Bundeswehr sowie die Profilierung als freier Träger im karitativen Bereich zu den in der Gesellschaft gültigen Normen kann nicht Aufgabe unserer Kirche sein.
Die Kirche Jesu Christi muss sich darum aus der finanziellen und juristischen Verquickung mit der Gesellschaft lösen und ein eigenständiges Dienst- und Vergütungsrecht entwickeln. Eine zentral festgelegte Grundversorgung sollte erhalten bleiben, um die Unabhängigkeit kirchlicher Arbeit von privaten Sponsoren sicher zu stellen.
Gemeinde als Versammlung der an Jesus als den Christus Glaubenden und in seiner Nachfolge Lebenden hat zwei Funktionen wahrzunehmen:
  1. Sie hat einen Auftrag in und an der Welt, indem sie der Welt zugute kommt.
    Dieser Auftrag umfasst die Verkündigung des Evangeliums, die Entwicklung alternativer Formen gelebten Glaubens und die Segnung der Welt.
  2. Sie hat einen Auftrag an ihren eigenen Gliedern, indem sie sich selber zugute kommt.
    Dieser Auftrag realisiert sich in der Feier der Sakramente und in der Pflege der Gemeinschaft.
Der Auftrag nach außen und Fürsorge nach innen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Auch lässt sich die Fürsorge nach innen nicht durch ihren Gewinn für den Auftrag nach außen bemessen. Wo Gemeinde diese beiden Aufträge wahrnimmt, wirkt sie von selbst missionarisch. Das heißt: In der Gemeinde geht es so zu, dass sie für Außenstehende attraktiv erscheint. („Siehe, wie sie einander lieben!“).
Das Modell
Wesentliche Voraussetzung für dieses Bild der Gemeinde ist eine Wege in die Zukunft öffnende Gestaltung der Sakraments- und Kasualpraxis. Folgendes Modell wäre denkbar:
  1. Das die Gemeinschaft der Glaubenden begründende Sakrament der Taufe wird in zwei verschiedenartigen Feiern in der Gemeinde begangen:
  2. Unabhängig von dem Wunsch nach verbindlicher Zugehörigkeit zur Gemeinde bietet die Gemeinde Jesu Christ lebensbegleitende und gemeinschaftsfördernde Handlungen an:
  3. Voraussetzung für alle diese Handlungen sind:
  4. Um den Gemeinschaftsaspekt des Glaubens in Gruppen feiern zu können, in denen Getaufte und Ungetaufte beieinander sind, bietet Gemeinde Jesu Christi im Rahmen ihrer Zusammenkünfte Agapen mit einer eigenständigen liturgischen Ordnung an. Voraussetzung für die Teilnahme an diesen Feiern ist die Bereitschaft, einander anzunehmen so wie Christus uns angenommen hat. Die Feier der Annahme des jeweils anderen (Agape) ist zu unterscheiden von der Feier des Teilens des Eigenen (Abendmahl), so wie die liebevolle Zuwendung vom Opfer unterschieden ist.
  5. Hingewiesen sei darauf, dass im Rahmen einer solchen Neuordnung des geistlichen Lebens auch die Frage der Beichte bedacht werden sollte. Sie gehört zu den gemeinschaftsfördernden Handlungen.
Bei einem solchen Modell hätten beide Sakramente in der protestantischen Tradition die ihnen zugeordnete Feiern, die missionarisch ausgerichtet sind.
So könnte der Charakter der Sakramente für die immer neue Selbstkonstitution der Gemeinde als Leib Christi wieder bewusst gemacht werden als innerstes Zentrum der Gemeinde. Zugleich kann ein lebensgeschichtlich orientiertes Handeln das Leben jedes Einzelnen begleiten und in die Gemeinschaft einbinden, sodass der Glaube wachsen kann bis zu dem Tage, da ein Mensch sich entscheidet, verbindlich zur Gemeinde gehören zu wollen.
Die Verwirklichung dieses Modells nötigt zu einer abgestuften Kirchenzugehörigkeit und zu einer stärkeren Binnenstruktur jener sozialen Körper, die als kleinste Form der Gemeinde vor Ort gelten.
Kirchenzugehörigkeit und Sozialgestalt der Kirche
Die abgestufte Kirchenzugehörigkeit kann vorgestellt werden als eine Struktur konzentrischer Kreise:
Getaufte, zum Abendmahl zugelassene und zur Verantwortung in und außerhalb der Gemeinde Befähigte bilden den inneren Kreis.
Unmündig Getaufte bilden einen zweiten Kreis (hierzu zählen auch die unmündig Getauften mit Abendmahlszulassung im Unmündigenalter). Beide Kreise bilden die Gemeinde.
Sie werden verbindlich erfasst und direkt finanziell in Verantwortung genommen. Gemeinde in diesem Sinne wird umfasst von einem dritten Kreis sog. Sympathisanten. Hier handelt es sich um Ungetaufte oder unmündig Getaufte, nicht zum Abendmahl zugelassene Distanzierte. Sie werden nur listenmäßig informell erfasst. Ihre finanzielle Beteiligung geschieht über eine allgemeine Kultur- bzw. Sozialsteuer.
Vorstellbar ist folgendes Modell:
Alle, die irgendwelche Dienste der Kirche in Anspruch nehmen, zahlen einen Beitrag auf dem Wege über eine Kultur bzw. Sozialsteuer, die von allen Bürgerinnen und Bürgern erhoben wird. Zuständig für deren Einzug ist die Gesellschaft, die die Beiträge an die Gemeinden weiterleitet. (Solange es solche Steuer nicht gibt, müsste über eine verbindliche Spende im Sinne eines Honorars für die Gemeinde nachgedacht werden.) Alle, die sich verbindlich zur Gemeinde halten und zur öffentlichen Wahrnahme der Verantwortung ihres Glaubens befähigt sind, verpflichten sich auf das Zehntengebot. Die Kultur- bzw. Sozial- oder Kirchensteuer wird auf den Zehnten angerechnet. Für den Einzug ist die Kirchgemeinde zuständig.
Das hier entwickelte Modell hat Auswirkungen auf die Sozialgestalten, in denen Kirche existiert.
Legen wir vier traditionelle Gestalten zugrunde: Ökumene, Regionalkirche, Ortsgemeinde, Nachfolgegruppe, so führt dieses Modell zu einer Aufwertung der Nachfolgegruppen. Sie sind die kleinste Einheit, die den Namen „Gemeinde“ trägt. Sie sind die verbindlichste Gestalt der Gemeinde. Sie können orts-, zeit- und projektgebunden sein und sind mit anderen Gruppen in Netzwerken verbunden. Diese Netzwerke treten neben die Ortsgemeinden, sofern sich die Nachfolgegruppen nicht als Untereinheiten einer Ortsgemeinde verstehen.
Ausblick
Kirche wächst von unten. Ihre institutionelle Gestalt ist Ausdruck ihres irdischen Wohlergehens. Das muss nicht immer dem Heil der Welt dienen. Die Erfahrungen der Kirchen unter Verfolgung belegen: Zuletzt geht es immer darum, ob Menschen unter Gottes Wort und in der Feier der Sakramente zusammenkommen. Die in diesem Zusammenhang wichtigste Aussage zu den Kennzeichen von Kirche findet sich immer noch in Apostelgeschichte 2,42-47. Entwerfen wir also zum Schluss ein mögliches Bild:
Gemeinde lebt von den Gaben Gottes an alle ihre Glieder. Die Arbeit von Ehrenamtlichen in der Gemeinde ist nicht ein Notbehelf für fehlende Hauptamtliche, sondern Ausdruck des normalen Gemeindelebens. Hauptamtliche und Ehrenamtliche arbeiten zusammen, damit Gemeinde lebt. Dabei sollte es eine Ehre sein für Christen, in der Gemeinde etwas zu tun. Und es ist schlicht Pflicht der Hauptamtlichen, dem Tätigwerden der unterschiedlichen Gaben in der Gemeinde förderlich zu sein.
Das bedeutet:
Für die Mitarbeiter bedeutet das:
Wie lange werden wir noch brauchen, um in unserem Leben als Gemeinde und in unseren Aktivitäten als Kirche sichtbar zu bezeugen,
wohl aber klarer Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten in der einen allen gemeinsamen Sache – und vor allem Vertrauen? Lenins Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ ist keine Anweisung für innerkirchlichen Dienstgebrauch!
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