GEMEINDEBUND
Inhalt
Das Wort
Sorgen
2. Tim 2,19
Wo ist Kirche?
Kirche und Gemeinde
Was ist Gemeinde?
Apg 1,10-11
Aufbruch
Gemeinde
David und Goliath
Vergebung
Fehler
Die Taufe
Aufbruch Gemeinde
am Scheideweg
Pfr. Heinrich Vogel
Gemeindekirche
Hauptproblem
Freude
Kirche ist Gemeinde
Ortsgemeinde
Pflügen
Wormser Wort
Theologie
„Wo ist Kirche? 15 Thesen“ zum Vortrag am 10.Mai von Prof. Dr. Christof Gestrich, Berlin
Grundsatz: „Die Gemeinde ist die Keimzelle der evangelischen Kirche“
Da sich gegenwärtig alle auf einschlägige Bestimmungen der Augsburger Konfession von 1530 und der Barmer theologischen Erklärung von 1934 berufen, bedarf es zur Beantwortung der Frage, wo Kirche sei, folgender näherer Ausführungen:
I Man sagt zwar (z.B. im Anschluss an das Selbstverständnis der alten EKU), die evangelische Kirche baue sich von der Gemeinde her auf.[*] Dennoch heißt die erste Antwort auf die Frage, wo Kirche sei, nicht: ‚In den Gemeinden‘. Sondern sie lautet: Ubi Christus, ibi ecclesia.
II Hinzuzufügen ist: Kirche – sie sei evangelisch oder katholisch – baut sich weder von unten noch von oben her auf, weder von den Gemeinden oder vom jeweiligen Bischof oder der jeweiligen obersten Synode her, sondern sie ist erbaut „auf dem Grund der Apostel und Propheten, wo Jesus Christus der Eckstein ist“ (Eph 2,20). D.h. sie ist im Wort Gottes gegründet. Sie kann nur dort sein (und sie ist wirklich dort), wo die Verkündigung des Evangeliums geschieht und auch vernommen wird.
III Wer wie Karl Barth die ganze Kirche ‚Gemeinde‘ nennt, will nicht die catholitas vernachlässigen noch behaupten, Kirche im Vollsinn sei nur die Parochie. Vielmehr ist damit gesagt, Kirche müsse sich immer und überall um ihren Herrn auch tatsächlich versammeln und sich von ihm allein führen lassen. Seine Führung ist die maßgebliche. Kirchliche ‚Menschensatzungen‘ müssen sich durch sie immer wieder in Frage stellen lassen (= Hauptanliegen der Reformation).
IV Nähere Auskunft auf die Frage, wo die Kirche ist, erteilt die lutherische Ekklesiologie in ihrer Lehre von den notae ecclesiae, wo sie, neben der Predigt, ergänzend z.B. die Sakramente, das fürbittende Gebet, die regelmäßige Gottesdienstfeier und auch die (stellvertretende) Übernahme von Leiden erwähnt.
V Der „Soll“-Ort der Kirche in der Welt ist gewiss dort, wo Menschen leiden bzw. von jenen Übeln heimgesucht werden, die Jesus Christus für überwindbar hielt durch das mit ihm herankommende Gottesreich. Die Kirche ist zwar nicht das Reich Gottes, aber sie hat dessen Botschaft gegen den Tod, zur Erlösung von den Sünden und zur helfenden, Leiden stillenden und ausgleichenden Nächstenliebe auszurichten.
VI Die Kirche ist zwar sichtbar in der Welt in Form von Institutionen, aber sie ist nicht „von der Welt“. Sie ist auch ein Gegenstand des Glaubens. Sie ist folglich gerade nicht verlässlicher Weise ‚dort drin, wo Kirche drauf steht‘. Ihr geistliches Geheimnis ist, dass durch sie Jesus Christus in der Welt leibliche Gestalt gewinnen muss.
VII Demokratie, Oligarchie, Monarchie (‚monarchischer Episkopat‘) usw. sind keine geeigneten Begriffe, um die notwendige innere Ordnung der Kirche anzuzeigen. Jede Gemeinde, jede Kirche braucht zwar Leitungsstrukturen. Aber diese müssen innerfamiliären Vertrauensstrukturen entsprechen, wobei alle Gemeindeglieder Brüder und Schwestern sind, die betend auf das gemeinsame Oberhaupt Jesus Christus blicken. Erforderlichenfalls treten sie in Selbstverständlichkeit füreinander ein. Das schließt aber auf der Verwaltungsebene – wohltuende – rechtliche Regelungen nicht aus.
XIII Die sog. kirchliche Amtsfrage bildet kein selbständiges theologisches Problem, das etwa derzeit um der Ökumene willen noch gelöst werden müsste. Sondern die kirchliche Amtsfrage fragt theologisch danach, wie Jesus Christus durch die Kirche angemessen repräsentiert wird, d.h. wie er selbst in der Kirche und durch die Kirche zur Wirkung kommt. Sie ist also letztlich ein christologisches Problem, an dem alle Kirchen noch arbeiten müssen. Sie werden aber weniger neue Strukturen aufzubauen haben, als vielmehr immer wieder Selbstzurücknahme üben müssen.
IX Wenn alles, was Kirche heißt, ‚gemeindliche Struktur‘ haben muss (oder eben nicht Kirche ist), so gilt auch umgekehrt: Alles, was christliche Gemeinde ist (ob Ortsgemeinde, Anstaltsgemeinde, Personalgemeinde oder Gesamtgemeinde in einer Region), ist bereits vollgültige Kirche Jesu Christi. Sie alle verkörpern an ihrem Platz die una, sancta, catholica, apostolica ecclesia.
X Keine christliche Gemeinde (Kirche!), die irgendwann durch irgendwelche Einflüsse entstanden ist, ist später gegen ihren Willen durch (Mehrheits-)Beschluss anderer Gemeinden oder anderer ‚kirchlichen Ebenen‘ wieder aufhebbar. Sie ist aber mit ihrem eigenen Willen und gemäß ihrer eigenen Einsicht jederzeit auch in andere Formen örtlichen Gemeindeseins überführbar. Dabei darf es bei der Willensbildung keine Sieger und Verlierer geben.
XI Aus evangelischer Sicht ist die katholische Bezeichnung einer Gemeinde als ‚Seelsorgeeinheit‘ theologisch abzulehnen. Zwar ist ‚Gemeinde‘ in der Tat ein eigener Seelsorgebereich. Aber sie ist nicht das Derivat einer ‚weiter oben‘ feststehenden und gesicherten Kirchlichkeit. Vielmehr ist sie selbst der ‚Ernstfall von Kirche‘.
XII Keine Gemeinde kann allein alles aufbieten, anbieten und sichern, was für den Weg der Kirche durch die Zeiten und durch die Generationen erforderlich ist. Hierfür bedarf es vielmehr einer Fülle von Gaben und Einrichtungen. Es entspricht aber nicht dem evangelischen Kirchenverständnis, wenn diese Fülle schlichtweg außerhalb oder oberhalb der Gemeinden angesiedelt ist und organisiert wird. Vielmehr müssen die Gemeinden gemeinsam für das Erforderliche einstehen, also alle einen kleinen Beitrag dazu leisten gemäß dem ihnen Möglichen.
XIII Einrichtungen wie die sog. Kirchenkreise in deutschen evangelischen Landeskirchen sind folglich, theologisch gesehen, nichts anderes als eine erste (noch nicht in sich selbst schon ausreichende) Gestaltung dessen, was die Gemeinden nur gemeinsam tun können und auch wollen. Entsprechend muss deren Gewicht bei den Beratungen sein: Es muss theologisch dem Geist eines freien Zusammenschlusses entsprechen. Die Gemeinden müssen zunächst auf sich selber stehen können. – Aber auch die Kirchenkreise können noch nicht alles aufbieten, was die Kirche bei ihrem Gang durch die Zeiten und Generationen benötigt. Auch sie müssen sich zusammenschließen. Dasselbe gilt für die nächsthöheren Ebenen. Auch ‚Landeskirche‘ beispielsweise ist kein Letztes, kein Zweck in sich selbst
XIV Durch das soeben Dargelegte kommt man gedanklich schließlich bei der ‚Weltkirche‘ an. Das ist unumgänglich. Vor uns steht das Bild eines verzweigten Beistandsgefüges innerhalb des weltweiten Volkes Gottes. Das Dass des (auch politische Nationalgrenzen übergreifenden) Zusammenstehen-Müssens ist klar. Beim Wie darf es aber keinen Zwang geben. Kirchliche ‚Zwangsehen‘ nützen keinem. Der zwischen den Gemeinden/Kirchen zum Zuge kommende ‚Verbindungsgeist‘ muss sich vielmehr theologisch am biblischen Bundes-Geist und am jesuanischen „einer trage des andern Last“ / „einer komme dem andern zuvor“ messen lassen.
XV Jede lebendige Gemeinde, jede lebendige Kirche hat das Bedürfnis, von außen her christlich wahrgenommen, beraten, unterstützend korrigiert zu werden. D.h. sie hat den Wunsch der Visitation. Jede lebendige Gemeinde, jede lebendige Kirche muss auch selber aktiv unaufhörlich visitieren. Wo beides nicht geschieht, kommt es zu Unzuträglichkeiten bzw. wird der innere Blutkreislauf des weltweiten Volkes Gottes gehemmt.
[*] Dem gemäß nennt auch die Grundordnung der EKBO zuerst die Gemeinde, danach den Kirchenkreis und erst zuletzt die Landeskirche.
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