GEMEINDEBUND
Inhalt
Das Wort
Sorgen
2. Tim 2,19
Wo ist Kirche?
Kirche und Gemeinde
Was ist Gemeinde?
Apg 1,10-11
Aufbruch
Gemeinde
David und Goliath
Vergebung
Fehler
Die Taufe
Aufbruch Gemeinde
am Scheideweg
Pfr. Heinrich Vogel
Gemeindekirche
Hauptproblem
Freude
Kirche ist Gemeinde
Ortsgemeinde
Pflügen
Wormser Wort
Theologie
Das blinde Wort – Luther und die Grundlagen der Kirche – von Bernhard Hoppe
Martin Luther meinte: Kirche ist ein „blindes, undeutliches Wort“. Wer es ausspricht, der muss erklären, was er damit meint. Dieses Wort ist besonders anfällig für Missverständnisse. Das Wort muss mit Leben erfüllt, es muss erschlossen und präzisiert werden. Nach christlichem Verständnis hat man es hier nicht mit einer Aufgabe unter anderen zu tun, sondern mit einer Lebensaufgabe. Es ist eine Aufgabe, die zunächst vielleicht am besten durch die 1. der 95 Thesen zu umschreiben ist: „Das ganze Leben der Christen soll eine Buße sein.“ Es geht dabei nicht nur um die Buße des Einzelnen, sondern um die Buße der ganzen Gemeinde, der ganzen Kirche. Die Frage nach den Strukturen von Kirche ist zugleich immer die Frage nach den Grundlagen des Christseins. Wenn ein Christ im Glauben täglich neu anfangen darf, dann darf auch die Kirche täglich neu anfangen. Es sind ja nicht wir, die sagen: „Siehe, ich mache alles neu.“ Christus ist es. Er ist der Baumeister der Kirche.
Was sind die Grundlagen der Kirche? Die Heilige Schrift und die Bekenntnisse. Ich möchte mich hier zunächst auf CA 7 beziehen als dem Kriterium von Kirche, das man sehr kurz mit „Wort und Sakrament“ umschreibt. Bonhoeffer hat genauer formuliert: „Predigt und Sakrament der Kirche ist der Ort der Gegenwart Jesu Christi.“ CA 7 ist nicht nur ein Kriterium von Kirche, sondern das Kriterium von Kirche. CA 7 ist deshalb so wichtig, weil es klar macht, dass alles, was in der Kirche geschieht, sich darauf hin befragen lassen muss, ob es auf Glaube abzielt. Nur das, was Glaube erweckt, stärkt und befestigt, kann ein Teil von Kirche und Gemeinde sein. Damit ist den Christen nicht eine bestimmte Gestalt von Kirche und Gemeinde vorgeschrieben. Aufgegeben ist ihnen aber eine dauernde Überprüfung der bestehenden Strukturen. Die Prüffrage lautet: Kann in diesen Strukturen Glaube wachsen?
Neben CA 7 gibt es weitergehende Prüfsteine von Kirche und Gemeinde. In der gebotenen Kürze möchte ich hier die notae ecclesiae nach Luthers Schrift „Von den Konziliis und Kirchen“ aufzählen. Luther geht es darum, dem „armen, irrigen Menschen“ zu erklären, wo er das christliche heilige Volk findet. Er findet es dort, wo das heilige Gotteswort mündlich gepredigt wird. Das ist das 1. Kriterium. Hierbei ist der Horizont sehr weit gesetzt. Die Begegnung mit Gottes Wort kann durchaus am Gartenzaun geschehen. Nachbarn können sich gegenseitig den Glauben stärken. Für Luther gibt ist keine Beschränkung des Wortes auf heilige Orte, heilige Zeiten oder gar heilige Menschen. Gleichwohl ist deutlich, dass Luther kirchliche Verkündigung nicht als Blitzereignis begreift, viel eher als sich wiederholendes, kontinuierliches und sehr wohl öffentliches Geschehen. Das heilige Gotteswort ist sozusagen das 1. Gebot der Kirche, das in allen anderen Bestimmungen von Kirche enthalten sein muss. Nur in der Beachtung dieses Gebotes kann Kirche und Gemeinde gebaut werden.
Im Weiteren benennt Luther als 2. und 3. Kriterien Taufe und Abendmahl. Wort und Sakrament lassen sich nicht trennen. Das Sakrament folgt dem Wort. 4. Kriterium von Kirche ist die Absolution in der Beichte, eine Art halbes Sakrament. Leider wurde und wird es in der ev. Kirche oft vergessen. An 5. Stelle folgt als Kriterium die Berufung in Ämter, zuerst in das der Wortverkündigung. Christus selbst hat die Ämter eingesetzt, nicht zuletzt um der rechten Ordnung willen. Die Ämter dürfen nicht vernachlässigt werden, weil Christus durch sie dafür sorgt, dass es in der Kirche tatsächlich um nichts anderes als die Glaubensstärkung geht.
Das 6. Kriterium ist das Gebet, wozu auch das Gotteslob gehört. Es ist die Antwort auf das zuvor ergangene Wort Gottes. Das 7. Kriterium ist das Leiden unter dem Kreuz. Es geht dabei nicht um beliebiges Leiden, sondern um das Leiden um Christi willen.
Diese sieben Kriterien kann man als Erläuterung von CA 7 verstehen. Deutlich ist, dass Kirche und Gemeinde eine Zentralaufgabe hat: die Verkündigung von Gottes Wort auf allen Ebenen. Die Verkündigung ist der Blutkreislauf der Kirche. Er darf nicht ins Stocken kommen.
Es lassen sich gewiss noch viele weitere, verfeinerte Kriterien von Kirche und Gemeinde benennen. Abschließend möchte ich auf ein Kriterium hinweisen, das auf den ersten Blick im Widerspruch zu den oben genannten zu stehen scheint. Dietrich Bonhoeffer hat in verschiedenen Zusammenhängen betont, dass zum rechten Reden der Kirche auch das qualifizierte Schweigen gehört. Bonhoeffer meinte, dass die christliche Gemeinde einen Raum benötigt, die eigene Identität auszubilden und durchzuhalten. Dafür kann es notwendig sein, sich auf Zeit von der Welt zurückzuziehen. Das Schweigen an der richtigen Stelle kann eine Form der Buße sein, es kann ein Kennzeichen von Kirche sein.
In diesem Zusammenhang findet sich ein hoffnungsvoller Satz Bonhoeffers, mit dem ich enden möchte: „Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen – an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass die Welt sich darunter verändert und erneuert.“
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